Die Altvorderen

| Marc Pelzer | Reynal Juliandy

Fast unvorstellbar kam es ihm vor, wie er und seine Mitstreiter gegen eine schier unendliche Anzahl an willenlosen Marionetten kämpfte, die sich unbewaffnet und mit der blossen Kraft ihrer Masse auf die gepanzerten Wachleute stürzten. Zwar stellten diese keine Bedrohung durch Waffen dar, doch versuchten sie unermüdlich ihre Gegner auf den Boden zu reissen und sie in das Portal zu schleifen, aus dem immer mehr Untote hervorkamen. Gemon hörte einen verzweifelten Schrei. Die Stimme war von Angst und Schock durchtrieben. Sie gehörte zu Jörn, einem noch sehr jungen Burschen, der erst vor einigen Monaten in der Garde angefangen hatte. Dass dem Jungen schon so bald ein solch schrecklicher Kampf widerfahren musste war reiner Wahnsinn. Er zappelte, trat um sich, hieb und stach in das Fleisch seiner Widersacher, doch diese zogen ihn unermüdlich auf das magische Loch im Boden zu, bis seine grellen Schreie darin für immer verklangen. Auch Gemon sah ein, dass sie lose und ohne Formation nicht standhalten würden, angesichts der immer grösser werdenden Übermacht. Der Magier war nicht einmal mehr zu sehen im Gewimmer der kämpfenden Massen. Sein Glück war, dass die meisten der Marionetten sich auf die Wachen gegenüber dem Portal stürzten und er auf seiner Seite nur fünf Gegnern entgegenstand. Also wirbelte er, so gut es eben im beschädigten Gemäuer ging sein Schwert umher, welches sich tief durch deren Fleisch bohrte. So trennte er Mal ums Mal wichtige Sehnen ab und brachte die Untoten zum Fall. Weitere kreischende Schreie, sie hatten einen weiteren Wachmann erwischt. Gerade als Gemon seinen Blick auf das Portal richtete viel ihm auf wie dunkelroter Rauch in stetigen Schleier aus dem Portal begann aufzusteigen. Wie beim vorherigen Magieexzess, nur um einiges stärker, durchstach abwechselnd stechende Kälte und dann unerträgliche Hitze den Flur, so dass es ihn fast von den Füssen riss. Darauf folgten ängstliche Laute des Magiers, den er nun, da dieser in fast unkontrollierter Form Kreisel aus Flammen um sich herum schoss, wieder sehen konnte. Einer der Flammenkreisel schoss überraschend quer durch den Flur auf ihn zu und Gemon musste sich auf den Boden schmeissen um nicht verbrannt zu werden. Verdammt! Er landete auf einem der am Boden liegenden Untoten und rutschte darauf ab, was ihn auf den Rücken drehte, keine gute Position um sich zu verteidigen. Sofort schmissen sich Weitere auf ihn und er musste heftig um sich treten, um sie mit seinen dicken Lederstiefeln abzuwehren.

Sobald wie möglich kam er wieder auf die Beine. Das erste was er bemerkte, war das Geräusch von der Holztür, durch die Yaena langsam den Gang betrat. Sie hatte sich wohl etwas erholt, auch wenn ihr Gesicht von starker Erschöpfung zeugte. Das zweite was er bemerkte war ein plötzliches Zischen, gefolgt von einem Schrei den er bis in Knochenmark spürte. Der Kopf des Magiers stand in Flammen. Was war da los?! Erstarrt blickte der Hauptmann auf die absurde Szene. Plötzlich erklang eine Stimme im Raum lauter als das gemeinsame Schreien der Krieger in einer Schlacht: «Was bist du doch für ein einfältiger Wurm Krähenklaue! Ja du bist ein fähiger Magier, doch besitzt du trotz all deiner Macht keine Göttlichkeit. Du hast mir das Tor geöffnet, in der dämlichen Hoffnung mir meine Welt zu nehmen. Das einzige, zu dem ich selbst nicht im Stande bin. Nun werde ich dir deine nehmen!» Die Flamme begann sich schlagartig auszubreiten und nach einigen Sekunden hatte sie sich bis auf die Knochen durchgefressen. Es war niemand zu sehen der hier sprach, nur dieser hitzeverbreitende magische Dunst in der Luft und das dazu im Gegensatz kälteverströmende Portal am Boden. Gemon nahm all seinen Mut zusammen. Er stand immer noch an der exakt gleichen Stelle und wollte diese auch nicht verlassen. Nachdem er so tief eingeatmet hatte, wie es sein Schock und seine Angst zu liessen, schrie er: «Wer ist da?!» Keine Antwort ertönte. Doch schien sich der Dunst auf ihn zuzubewegen. Tapfer hielt Gemon seine Stellung. Der Dunst wurde immer dichter und formte einen grossen Schädel vor ihm. Gerade als dieser als solcher zu erkennen war, leuchtete die Stelle, an der die Augen stünden in grellem Rot auf. «Mein Name ist Gron, Mensch. Ich bin dein Gott. Ich der Tod!» Die Hitze der Luft intensivierte sich und drohte Gemons Haut zu schmelzen. Panik trat in ihm auf. Sein Körper konnte nicht mehr. Er klappte in sich zusammen.

Yaena beobachtete die Situation, doch war sie ausser Stande etwas zu tun. Ihre Magie war erschöpft und ohnehin würde diese hier nicht viel bringen. Mit ihrer linken Hand hielt sie sich an der in den Gang geöffneten Türe fest, um nicht entkräftet auf den Boden zu sinken. Ihr fiel auf, dass ihre Umgebung immer leiser wurde. Hatte sie einen Hörschaden bekommen? War das das Werk dieses Gottes? Immer weiter verschwanden die Geräusche, bis sie rein gar nichts mehr hörte. Da erklang ihr eine Stimme im Kopf. Nicht so laut wie die des Gron, leiser und etwas sanfter, wenn auch bestimmt und herrisch: «Magierin, du wirst Gron aufhalten müssen um diese Welt zu retten. Er gehört nicht in diese Welt. Ich werde dich als Gefäss benutzen, um ihn sein Reich zurück zu verbannen, denn als Gott kann er nicht sterben.»
Yaena versuchte zu antworten, aber selbst ihre eigenen Worte wurden verschluckt von der Stille die sie umgab. Sie konnte nichts weiter als zuhören. «Ich werde dir ein mächtiges Geschenk machen, einen kleinen Teil meiner eigenen göttlichen Macht zur Verfügung stellen. Denn ich bin Zera, die Göttin des Lichts und das Licht der Altvorderen soll durch dich strahlen! Richte es auf das Portal, wenn du ihn dahin zurückgedrängt hast. Und denke immer daran, wenn du missbrauchst was ich dir gebe, werde ich dich holen kommen.» Von einer Sekunde auf die andere waren alle Geräusche wieder da: Der knarrende beschädigte Dachstuhl, das schreien der letzten kämpfenden Wachleute, die sich auf sie stürzenden Untoten. Und etwas anderes spürte sie, eine unfassbare, schier unerschöpfliche Kraft, als hätte sich ihr gesamtes magisches Potential vervielfacht. Der nächste Gedanke brachte sie wieder in den Fokus. Sie musste dieser Zera vertrauen und ihr gehorchen. Es gäbe nichts, dass sie an dieser Stelle sonst hätte tun können. Also richtete Yaena ihre Arme aus. Sie konzentrierte ihre Magie wie gewöhnlich und versuchte eine Rune zu formen. Doch bereits schneller als das dies geschehen konnte, strömte ein so starkes Licht aus ihren Händen, dass es den Dunst des Raumes vertrieb. Keine Rune, keine Materialisierung, sondern reines, sonnengleiches Licht flutete den Flur. Es durchstach die Untoten, den Dunst und alles was sich im Weg befand. Selbst die zwanzig Schritt entfernten Wachen, welche es nicht schafften sich schnell genug aus der Angriffsbahn zu bewegen. Nachdem all der Dunst verschwunden war, richtete sie das Licht auf das am Boden befindliche Portal. Es wurde kleiner, doch schien sich zu wehren. Nur langsam, wenn überhaupt wurde es kleiner. Da nahm Yaena all ihre Reserven zusammen, worauf der Strahl zu hellem weiss wurde und sich das Portal unter ihrem Schrei endlich schloss. Anstelle des Bodens, waren die Steine an jener stelle deformiert und zerbrochen, der Gang war nicht wiederzuerkennen, die Aussenmauer war ebenfalls aufgebrochen. Vollkommen erschöpft sank Yaena auf die Knie. Sie blickte auf das zerstörte Gemäuer und dann auf den vor ihr liegenden Gemon. Auf ihr versagte der Körper den Dienst und sie sackte wehrlos in sich zusammen.