Kapitel 10 - Griff nach Göttlichkeit

| Marc Pelzer | Meletios Ioannidis

Immer weiter zersprang ihr Schutzzauber. Yaena wurde panisch. Ihr musste etwas einfallen. Doch alle Gedanken, alle Ansätze in ihrem Kopf schienen hin und her zu springen. Es gelang ihr nicht einen klaren Gedanken zu fassen. Sie formte zusätzliche Schutzzauber, während sie immer weiter Richtung Ende des Flures gedrängt wurde. Irgendetwas in ihrem Arbeitszimmer musste ihr doch helfen können! Plötzlich schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte noch einen Saatkristall. Die Kristalle waren eigentlich recht unbedeutend, wurden aber grösser, umso mehr man sie mit Magie mehrte. Wenn sie Glück hatte, würde er die schwarzen Flammen und Attacken, des immer schnellen vorrückenden Angreifers absorbieren. «Gemon! Im Arbeitszimmer auf dem hinteren Tisch steht eine hölzerne Schatulle mit einem gelblichen Kristall darin. Renn!» Dieser verstand sofort. Er schmiss den provisorischen Schild wieder auf den Boden und stürmte davon. So konnte er wenigstens etwas tun, in dieser Schlacht der Magie. Er fühlte sich hilflos und überflüssig in diesem Kampf. Ausserdem fragte er sich wie lange die anderen Wachen brauchen würden, bis sie den Kampflärm bemerkten und zu Hilfe eilen würden. Er konnte jedoch nicht ausschliessen, dass der Magier im Voraus bereits alle Wachen aus dem Weg geräumt hatte. Ein Problem wäre das für ihn nicht im Geringsten gewesen.

Am Tisch angekommen überflog er die Steine, Papiere und Werkzeuge. Schliesslich fiel im die Kirschholzschatulle auf. Ohne Zeit zu verlieren, riss er sie an sich, öffnete sie, nahm den Fingergrossen Kristall heraus und warf die Schatulle in den Raum während er bereits wieder auf dem Rückweg war. Yaena war bereits bis zwanzig Fuss vor dem Zimmer zurückgewichen und der Magier schoss hämisch weiter Geschosse auf die nun fast inexistente magische Barriere. Als sie den Saatkristall von Gemon überreicht bekam, warf sie ihn vor sich bis er an der äussersten Schicht der Schutzbarriere angelangt war. Tatsächlich wurde dieser leicht grösser als er diese berührte und stoppte. Dann wartete sie ab. Das nächste Geschoss riss ihren Zauber ein und die Flammen krochen erbarmungslos auf den Kristall zu. Zuerst schien nichts zu passieren, doch dann aus dem Nichts zog der Kristall immer mehr des Flammenteppichs auf. Das ständige Füttern des Kristalles mit weiteren Flammen und Geschossen liess in augenblicklich wachsen, fast explodieren. «In Deckung!», schrie die Hofmagierin Gemon zu und rannte mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte auf die Türe zu. Er tat es ihr gleich und gemeinsam sprangen sie um die Ecke, während das ganze Schloss zu beben schien. Ein unglaublicher und ohrenbetäubender Lärm war ertönt. Darauf folgte Stille. Hatten sie gewonnen? Hatte der Stein den Magier eingeschlossen? Am Boden liegend schnauften Beide erst einmal tief durch und versuchten einzuordnen, was gerade geschehen war. Yaena war am absoluten Limit ihrer Kräfte. Jede Ader ihrer Hand schmerzte, als hätte sie in brennendes Öl gegriffen. Ihre Magie war erschöpft. Mehr konnte ihr Körper einfach nicht leisten. Sie rührte sich nicht weiter.

«Ich werde nachschauen gehen», sagte Gemon ihr, dem klar nicht wohl war, bei dem was er sagte:» Du bleibst hier und ruhst dich etwas aus.» Er richtete sich auf und trat vorsichtig auf die Türe zu. Was er jedoch um die Ecke sah, liess ihn stoppen: Der Kristall hatte sich nicht nur ein wenig, sondern zu einem riesigen Stein vergrössert. Die Wand nach Aussen war aufgesprengt, die Decke eingestürzt und selbst der Dachstuhl über dem oberen Stockwerk war einrissen. Das Ausmass der Zerstörung war extrem. So etwas hatte Gemon noch nie gesehen. Er war sich sicher, dass nicht einmal Feuermagier ein solchen Schaden anrichten könnten. Das konnte der Angreifer nicht überlebt haben. Es blieb ihm aber auch nur die Vermutung, denn durch diesen massiven Kristall konnte er nicht hindurchschauen. Erstmal Yaena aus der Gefahrenzone bringen, dachte er sich, während er die Türen schloss. Sie hielten nun zwar nur schräg und unvollständig den Raum zu, da die Wand sich verschoben hatte, jedoch war das besser als nichts. Gerade als er die Türe zu hatte, hörte er den Kristall knistern. Feine Risse bildeten sich nach und nach. «Das ist doch unmöglich!» stammelte er fassungslos vor sich hin. Immer weiter riss der Kristall ein, bis er schliesslich in rot-schwarzen Glühen in einem schwarzen Loch im Boden versank. Das war eine Art Portal. Doch Gemon hatte keine Zeit darüber nachzudenken was das war, denn hinter dem Kristall kam der Magier wieder zum Vorschein. Seine Kleidung war zerfetzt, der Körper von Schnitten übersäht. Ihm stand der Hass ins Gesicht geschrieben. Doch der Hauptmann machte auch ein Geräusch aus: Panzerstiefel und nicht zu wenige. Die Wachen waren gekommen. Vielleicht war er doch noch nicht verloren. Vom Ende des Flures, hinter dem Magier kamen mindestens ein Dutzend Wachleute herangesprintet. Der Lärm der Explosion hatte sie hergeführt. «Feind! Eindringling! Achtung er nutzt Magie!» schrie ihr Hauptmann ihnen von der anderen Seite des Ganges entgegen. Sie waren für solche Fälle mit magieresistenten Schilden ausgerüstet. Wenn sie diese nutzten, hatten sie eine realistische Chance. Gemon fasste etwas Mut. Der der Magier war schnell umstellt. Doch war er nicht im leisesten Eingeschüchtert angesichts der Überzahl von Wachen. «Nun einfache Menschen, werdet Zeugen von meiner göttlichen Macht! Ich kontrolliere die Welt der Toden und die Welt der Lebenden. Ihr werdet die ersten Zeugen meines Herrschaftszeugnisses über diese Welt!»

Das Portal im Boden fing an zu donnern und blitzen, es schoss Russ und Nebel auf. Einer nach dem anderen stiegen Krieger, Bauern und sogar Adlige aus dem dunklen Tor heraus, allesamt als leblose Marionetten. Noch stärker als zuvor entwich dem Flur alle Wärme. Sogar Gemons Blut schien zu gefrieren.