Kapitel 9 - Der mächtigste Magier

| Marc Pelzer | Meletios Ioannidis

«Wie kannst du es wagen so mit mir zu reden, einfache Magierin?!» Die Gestalt liess den schützenden magischen Schleier fallen und wurde langsam sichtbar. Es handelte sich um einen Mann im mittleren Alter, der in edlen Samtgewändern gekleidet war, jedoch darüber einen alten, abgenutzten Kapuzenmantel trug. Er gab ein absurdes Bild ab. Als die Person den Kopf hob und die Kapuze abzog, entblösste diese den Anblick auf die magischen und hasserfüllten Augen, welche wie dunkle Rubine durch den Flur starrten. Mit lauten Zischen zog Gemon sein Schwert aus der Scheide und hielt es in Angriffsstellung. Der Magier würdigte ihn nicht eines Blickes. Er war ganz auf Yaena fokussiert.

Die Hofzauberin überlegte scharf: «Was war das für eine Art von Magie? Spielte sich dieser Magier nur auf oder war er feindlich?» Als sie Gemon das Schwert ziehen hörte, fasste sie blitzschnell eine Entscheidung. Sie lockerte leicht ihr Postur, verbarg die Hände hinter dem Rücken und sprach dann ebenso herrisch wie zuvor: «Wir akzeptieren eure Aufgabe, die Wache wird euch nun abführen und vernehmen. Jegliche Gegenwehr wird als feindliche Absicht gewertet werden.» Dabei drehte sie ihren Kopf leicht und deutete Gemon auf den Magier zuzuschreiten. Auch wenn er nicht erfreut darüber war, näherte er sich dem Magier ohne Verzögerung. Dieser, rasend vor Wut wie man ihn behandelte, hob die Hände, zog Magie ein und schleuderte einen Kugelblitz auf Gemon los. Darauf hatte Yaena gewartet, sie hatte hinter ihrem Rücken Potential gebündelt und schleuderte dies nun in Form eines einfachen aber starken Schildes zwischen die Beiden. Tatsächlich fing das Schild den Kugelblitz ab und die Magie entlud sich an den Steinen der Wand, welche teils barsten, angesichts einer solchen Belastung. Ab hier war klar, dieser Eindringling war ein Feind.

Das war auch Gemon klargeworden. Er nutzte die von ihm weg berstende Magie dazu weiter in Richtung des Magiers hervorzuschnellen, sich zu strecken und nach ihm zu stechen. Er war nicht schnell genug. Der Magier wich zurück. «Das reicht!», blaffte er. Seine Augen funkelten und hinter der Ecke des Flures trat einer der Wachleute hervor. Auf einmal war Yaena klar, woher dieses mächtige magische Potential kam. Der Wachmann hatte seinen Helm nicht aufgesetzt. Seine Augen waren leer und leblos, das Gesicht ohne Ausdruck. Er stürmte unnatürlich auf seinen Hauptmann zu und hieb mit seiner Hellbarde nach dessen Kopf. Doch Gemon war schnell und gut trainiert. Es hatte einen Grund, warum er Hauptmann geworden war. Er parierte den Hieb, brachte seine Klinge auf dem Stiel der Hellebarde zu liegen und glitt daran entlang an die ungeschützte Hand. Es war ein klarer Schnitt, den auch die leichten Panzerhandschuhe des Wächters nicht abfangen konnten. Doch obwohl die Waffe daraufhin klirrend auf den Boden fiel, zeigte des Magiers Marionette keine Regung. Sie schien die Verletzung der Hand nicht einmal bemerken zu können. Zu allem Überfluss fing sie nun sogar an Fäuste auf Gemon hageln zu lassen. Er wehrte sie immer wieder ab, konterte, doch ohne Effekt. Dazu erklang das gehässige Lachen des Magiers. «Ihr seid gar nicht mal so schlecht, das erkenne ich an. Ihr werdet meine Armee leiten dürfen. Denn das ist was ihr eurem Gott schulden werdet!» Parade um Parade wurde Gemon weiter zurückgedrängt. «Zu mir, ich habe eine Idee!», rief sie dem Kämpfenden zu.
Auch wenn sie keine Runen stabilisieren konnte, war die Bildung in ihren Händen möglich. Sie musste nur nahe genug herankommen. Während sich Gemon zurückfallen liess presste sie sich soweit wie möglich an die Wand des Gangs. «Weiter zurück!» Fast waren die beiden an ihr vorbei. Jetzt, sie schleuderte halbherzig ein Licht in Richtung des Magiers, um ihn kurz abzulenken. Dann sprang sie in die Mitte des Flures hinter den verfluchten Wächter und legte ihre Hände auf dessen Rüstung. So schnell sie konnte formte sie eine Rune der Verdichtung. Nie hatte sie ihre Finger so schnell bewegt. Wahrscheinlich war es auch keine besonders gute Rune geworden, doch sie fing an zu wirken. Sowohl sie als auch Gemon sprangen von dem Wächter weg. Dieser rührte sich nicht mehr. Er fing leicht an zu glimmern und mit sprunghaften Schritten und unter sich krümmendem Stahl begann er sich immer weiter zu verkleinern, bis er zu einer unförmigen Masse in Form eines Steins geworden war. Der ebenfalls komprimierte Zauber des Magiers zerbarst mit einem so lauten Zischen, dass es fast das Trommelfell platzen liess.

Augenblicklich manifestierte Yaena einen magischen Schutzwall zwischen ihnen und dem Magier. Es funktionierte wieder. Mit voller Geschwindigkeit fügte sich Schicht um Schicht hinzu, um den Wall dicker zu machen und so dem heranbahnenden Angriff zu widerstehen. Und dieser kam. Der Magier war ausser sich. Er schrie wütend auf und liess ein schwarzes Flammenmeer um sich herum entstehen. Dieses verschlang alle Möbel, alle Teppiche und bedeckte das Mauerwerk mit pulsierendem Russ. Der leuchtende Schutzwall hielt die Flammen ab. Das machte ihn nur noch wütender. Seine Ärmel verbrannen und brachten die Arme des Magiers zum Vorschein. Unter der Haut schienen sich Adern in magisch, rot glühenden Bahnen durch den Körper zu ziehen. Etwas so Bedrohliches hatte Yaena noch nie gesehen. Hatte sie sich immer überlegen gefühlt mit ihrem Geschenk der Magie, wusste sie nun, dass sie nur noch um ihr Leben kämpfen konnte. Schwarze Flammenbälle prallten auf den Wall auf und zersprengten die Schichten bei jeder Attacke weiter. Yaena war bereits erschöpft. Trotzdem stärkte sie den Wall so gut es geht weiter. Dieser verlor jedoch schneller an Dicke, als dass sie diesen verstärken konnte. Das bemerkte auch Gemon. Er schnappte sich einen hölzernen Beistelltisch, trümmerte ihn gegen die Wand und brach drei der vier Tischbeine ab, um einen provisorischen Schild zu erhalten. Nutzen würde er ihm nichts, doch wenigstens fühlte er sich ein wenig sicherer. Hatte er jemals gesagt, er hatte dem Tod ins Auge geblickt, war es dreist gelogen gewesen. Nichts kam diesem Moment gleich, dieser Magier dort vorne. Das war der Tod.