Kapitel 8 - Zeig dich!

| Marc Pelzer | Reynal Julyandi

Gemon war bereits seit drei Tagen zurück am Hof in Varnas. Der Herzog, sehr mit der Reise zufrieden mit den Resultaten seiner Reise, hatte seinen Groll gegen ihn endlich überwunden und sprach wieder öfter und offener mit ihm. In der heutigen Morgenbesprechung hatte er den Vorschlag Gemons gutgeheissen, die Leibwache einem neuen Drill zu unterziehen, um das Niveau zu erreichen, welches beide in Daanre Var so beeindruckt hatte. Ausserdem sollten die Runen für die Dan Vara erneut hergestellt werden, da diese selbst nach grossen Bemühungen des Herzogtums und der Handelsstadt verschwunden blieben. Das Unglück der ganzen Sache war, dass Gemon um diesen Auftrag weiterzugeben, mit Yaena sprechen musste. Er hatte aufgrund der ganzen Aussergewöhnlichkeiten der letzten Tage, seine angespannte Situation mit der Hofmagierin total in den Hintergrund geschoben. Nun machte ihm dies zu schaffen. Seid mittlerweile einer Woche hatten die beiden kein Wort mehr miteinander gewechselt. Dies änderte sich also heute. Er machte sich nach der sonst gewöhnlich ablaufenden Besprechung auf den Weg in den Westflügel.

Dort im Westflügel war Yaena in ihrem Arbeitszimmer beschäftigt. Sie hatte sich die ersten Tage nach dem Konflikt mit dem Herzog und Gemon ablenken müssen. Hunderte von Leuchtrunen hatte sie versucht zu kreieren. Diese waren ein immer gutes Mittel um den Hof zu erleuchten und fanden ebenfalls Anwendung in der Armee, um in der Nacht Licht zu spenden. Um es komplexer und anspruchsvoller zu machen, hatte sie angefangen die Magie so zu integrieren, dass sie sich in ganz bestimmten Formen um die Rune verteilte. Das war am Anfang auch erfolgreich gewesen, doch schien seit zwei Tagen jede Rune noch vor dem Materialisieren zu zerbrechen. Sie konnte nicht verstehen an was dies lag. Wenigstens hatte sie so eine Aufgabe, um die sie sich kümmern konnte. Zum grossen Frust funktionierten jedoch weder Stabilisierungskreise noch genauere Runenformung oder Magiekontrolle. Gerade hatte sie versucht einen starken und potenten Stabilisierungszauber auf das Papier zu wirken, auf dem sie später die Rune materialisieren wollte. Als jedoch plötzlich der Türklopfer die Ruhe des Arbeitsraumes störte, zerplatze ihr der hochkomplexe Zauber in schillernde Lichtscherben, die den Tisch herunter schwebten und sich dabei auflösten. «Herein!», rief sie, so dass man ihre Stimme auch durch die Türe draussen im Flur hören konnte. Gemon öffnete und trat ins Zimmer. Er sagte nichts und sie vermied den Blickkontakt mit ihm. «Was willst du?», fragte sie kurz und knapp. Direkt lag Spannung in der Luft. Er schwieg noch eine Weile, dann antwortete er: «Hör zu, ich war ein Idiot… Ich fand und finde dich immer noch eine super tolle Frau. Aber ich kann mich nicht gegen mein Schicksal und Pflicht stellen. Das weiss ich jetzt.» Sie erhob ihren Blick und schaute ihn nun direkt an, entgegnete aber nichts. «Ich hätte es dir sagen müssen. Ich hätte vorausschauender sein müssen. Tut mir leid.» Auch er blickte ihr tief in die Augen. Das war reine Folter. Sie war genauso schön wie an jenem Abend. Sein Kopf schrie nein, doch das Herz war anderer Meinung. Es war unerträglich, die Frau seiner Träume so nah zu wissen und doch unendlich entfernt. Er brach den Augenkontakt ab und blickte zwanghaft auf die Runen auf dem Tisch. Yaena fand es zwar irgendwie anziehend, dass er endlich zu seinen Fehlern stehen konnte, jedoch war sie gleichzeitig immer noch zornig. «Das sollte es dir auch», sagte sie etwas aggressiver als gedacht. Dann fügte sie schnell hinzu: «Du bist ein süsser Idiot.» Er nahm das als Friedensangebot und kam zu seinem eigentlichen Anliegen, in dem er ihr erklärte, dass sie die Schutzrunen neu schaffen müsse.

«Das hatte ich schon fast vermutet», gab sie zu, «Schutzrunen sind allerdings schwierig zu kreieren, da sie wie ein Holzverstärkung aus vielen Schichten Absorptionszaubern bestehen, die sich verteilt über die Mauer in den Runen als Knotenpunkte verbinden.» Gemon hatte nicht ein Wort verstanden, von dem was ihm hier erzählt wurde, wollte aber auch nicht nachfragen und bestätigte daher mit einem Ja. «Diese Art von Runen sind komplex und leider scheint irgendetwas alle meine Zauber destabilisieren. Ich kann sie nicht herstellen.» Auch wenn er nichts verstanden hatte, kam es ihm doch seltsam vor und er schlug ihr eine Lösung vor: »Dann lass uns die Störquelle finden und sie entfernen, das ist dem Herzog sehr wichtig.» Sie fand diesen Vorschlag gar nicht mal so falsch. Da auch ihre Stabilisierungen nichts bewirkt hatten, konnte sie sich selbst und das Material für die Runen ausschliessen. Folglich musste es eine andere Störquelle am Hofe geben. Sie einigten sich schliesslich darauf zusammen nach dem Problem zu suchen. Gemon hatte Zugang zu allen Räumlichkeiten und Yaena die sensorischen Fähigkeiten, um die Störquelle zu finden. So durchkämmten sie zuerst den Westflügel, in dem sie jedoch nichts fanden. Yaena konnte eine leichte magische Präsenz fühlen, jedoch war diese zu weit entfernt um sie effektiv zu lokalisieren. Anfangs sprachen sie nicht miteinander, jedoch find Gemon irgendwann an über den Besuch in Daanre Var zu sprechen, um die sonst peinliche Stille zu füllen. Während er erzählte und sie Richtung Ostflügel liefen, konnte Yaena spüren, dass die Präsenz stärker wurde. Eigentlich hörte sie Gemon überhaupt nicht mehr zu, denn diese wurde so schnell heftiger, dass ihr die Haare zu Berge standen. Es musste sich um eine mächtige aktivierte Rune handeln oder einen Magier, der ein gewaltiges Potential sammelte. Beides machte in ihren Augen aber keinen Sinn, da sie selbst keine Runen mit solch starker Magie herstellen konnte und andererseits nur Feuermagier solch starke Potentiale nutzten, von denen aber keiner am Hofe war.

Ihre Haut war am Kribbeln, die Situation schien gefährlich zu werden. Das merkte offenbar auch Gemon, der verstummte und leise flüsterte: «Was ist los?» Ihr Blick war auf den Gang gerichtet. Da musste jemand sein! «Wer ist da?!», schrie sie in den vermeintlich leeren Gang. Keine Antwort. Er begriff instinktiv und fasste sein Schwert am Knauf. «Im Namen der Wache, kommt heraus!» Stille. Nun konnte sogar Gemon etwas spüren. Es fühlte sich an, als würde die Luft leichtkühler werden. Unheimlich, dachte er. Dann sah er wie Yaena einen Lichtblitz in die Hände zog und mittig im Gang nach vorne schoss. Er zerplatzte ungefähr zehn Schritte vor ihnen an einem unsichtbaren Hindernis und zersprang in tausend feine Scherben, die die Silhouette einer Person zum Vorschein brachten. «Zeig dich!», forderte sie die Person mit herrischer und aufgeregter Stimme auf.