Kapitel 7 - Tiefer Groll

| Marc Pelzer | Lorys Germany

Die Diskussionen über den Vorfall an der Grenze und die daraus resultierenden Spannungen liefen zu gut. Beide Seiten machten Zugeständnisse. Nicht nur mit leere Wort, sondern mit Garantien. Tatsächlich schienen sich die relativ junge Dan Vara und der alte Herzog zu verstehen. Auch wenn das rein auf politischer und nicht auf persönlicher Ebene war.

Das ganze Wortspiel wurde beobachtet von einer kleinen Ratte, die achtsam und unauffällig in einer schattigen Ecke des Raumes unter einem Regal kauerte. Es war keine gewöhnliche Ratte, denn sie war bereits am Verwesen. Eine dunkle Macht hatte ihren Körper konserviert und ihre tote Seele an diese Welt gebunden. Sie unterlag dem Willen ihres Meisters, der durch ihre Augen und durch ihre Ohren die schweren Steintüren durchdrang.
Einst Krähenklaue genannt hatte dieser Meister der Magie dem Kult der Seelenfänger angehört und für seinen Gott gemordet. Immerzu hatte Gron, dessen Name auch nur zu denken ihm die Haare zu Berge stehen liess, nach Opfern gedürstet. Seine Macht wuchs mit jeder Seele, die seine treuen Seelenfänger durch die Pforte der Welten in das Reich des Todes schickten. Und treu waren sie. Die Seelenfänger, aber vor allem Krähenklaue, waren unermüdlich daran, die wehrlosen und isolierten Leute der Lande aufzuspüren und zu opfern. Schnell war ihm jedoch klar geworden, dass er anders war als die meisten Seelenfänger. Einfach plumpe Meuchelmörder mit Messer und Schwert, konnten ihm nicht das Wasser reichen, als seine Magie erweckt wurde.
Es geschah in den Sümpfen von Delmont, wo er mit zwei anderen Kultisten einen alten Mann in seiner Hütte entdeckt hatte. Es war kein sauberes Opfer gewesen. Das Leben des Mannes hatte sich fest an diese Welt geklammert. Er hatte um sich geschlagen, getobt und gekämpft. Krähenklaue hatte versucht ihn ruhig zu stellen, doch nur drei ungenaue Schnitte hatten den Mann ruhigstellen können. Der Boden war getränkt gewesen in Blut. Und in diesem Moment hatte sein Blut angefangen zu kochen. Es hatte ihn innerlich verbrannt und durch das Feuer hatte her die Seele des Mannes spüren können. Er hatte sie befehligen können. Genau das hatte er auch getan. Der Mann war willenlos in der Welt verblieben und hatte durch reine Gedankenkraft Krähenklaues alles getan, was dieser verlangte. Berauscht und betäubt von seiner plötzlichen Macht hatte er den Leichnam auf seine Mitstreiter gehetzt, die ihn voller Panik mit Hieben und Stichen aufzuhalten versuchten, doch für sie war der Tag ihr letzter gewesen.

Seit diesem Zeitpunkt war Krähenklaue der Seelenfänger gestorben und aus seiner Asche erhob sich ein allmächtiges Wesen. Der Totenbeschwörer war erschaffen. Und seine Macht wuchs seither ins Unermessliche.
Geblendet von seiner eigenen Fähigkeit, hatte er sich zurückgezogen, die Macht erkundet und gelernt sie auf grausamste Weise anzuwenden. Er war auf dieser Welt am Wandeln und nahm sich, was er wollte, Essen, Trinken, schönsten Schmuck und auch Leben. Denn er, so war er mit jedem Atemzug überzeugter, war ein Gott. Welch nutzloser Gott hatte die Macht über die Toten. Eine mickrige Leistung gegenüber der Kontrolle über das Tor zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod. Dazu war er kein einfacher und plumper Seelenfänger mehr. Er hatte einen Plan. An dessen Ende würde ehr Gron vernichten. Er würde dem Kult seinen Gott nehmen und sich die dann orientierungslosen Seelen zu eigen machen. Er würde verehrt, wie es sich für einen richtigen Gott gehört. Doch würde er wandeln in der Welt der Lebenden und diese bis in alle Ewigkeit beherrschen.
Im Herrenhaus, welches seit Tagen nur bewohnt war von den lebenden Seelen der toten ehemaligen Bediensteten und der Familie des Eigentümers, hatte sich der Totenbeschwörer einquartiert. Die Bediensteten hatte er um das Haus beordert, während er sich vergnügt von den Adeligen alle Köstlichkeiten servieren liess, die die Speisekammer zu bieten hatte. Dieses Mal hatte er einen Glückstreffer gelandet.

 Auch wenn er es nicht geschafft hatte, einen Krieg zwischen den beiden Reichen anzuzetteln, gab es andere Wege genügend Seelen an die Pforte der Welten zu bringen, um seinen Plan zu initiieren. Die Masse der Seelen müsste mindestens eines grossen Dorfes oder einer Stadt entsprechen. Das Meucheln von so vielen Menschen konnte er alleine nicht schaffen, nicht einmal mit seiner Armee von Toten, die er mit dem vollen Einsatz seiner Magie kontrollieren konnte. Es gab immer Wege. Die idiotischen Menschen fanden immer Gründe zum Streiten und Kämpfen. Als Gott war es seine Pflicht diese Geschöpfe zu nutzen.

Das Herzogshaus in Varas war instabil geworden. Es gab Streit und Zweifel untereinander. Der alte Spassherzog hatte sein Fest abgehalten, doch hatte er Zwietracht gesät, als der vermeidlich so mächtige Herrscher mit seinen persönlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die Sache hätte nicht besser laufen können. Nun jedoch, da der Krieg abgewendet war, musste der Gott selbst in Aktion treten. Er hatte natürlich für alles einen Plan. Denn würde der Hof in Varnas fallen, wäre das Herzogtum dem Bürgerkrieg geweiht. Davon war er überzeugt. Die Toten würden sich stapeln. Ein einfacher Weg, um an die Armee zu kommen, welche er benötigte, um den Gott des Todes hinter seiner Pforte herauszufordern. Sein Entschluss über den nächsten Schritt stand fest. Er erhob sich von seinem hölzernen Stuhl in der Haupthalle des Herrenhauses, griff nach einer Traube und schmiss den Weinkelch achtlos durch den Raum. Dann machte er sich auf nach Varnas.