Kapitel 6 - Daanre Var

| Marc Pelzer | Fabian Wiestner

Genau, wie der Herzog es gewünscht hatte, waren sie schon vor dem ersten Licht des Tages aufgebrochen. Der Aufbruch war von Nervosität und der kühlen Morgenbrise geprägt, welche Gemon und der aus 10 Wachleuten bestehenden Leibgarde ins Gesicht bliess. Vor einer Stunde noch hatte der Herzog vorgehabt selbst zu reiten, doch konnte er hatte sich überreden lassen die gepanzerte Kutsche zu nehmen, welche über sowohl magischen Schutz, als auch gehärtetes Holz als Panzer verfügte. Nicht nur war es Gemon generell sicherer vorgekommen, aber vor allem würde man sie so besser erkennen, denn der Hirsch auf dem Emblem des Herzog leuchtete durch einen Zauber in leicht bläulichem Licht. Das sollte das Risiko eines unglücklichen Zwischenfalls verringern. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache. Er hatte nichts essen können, so verknotet war sein Magen eben gewesen. Der üblichen Formation nach nahm er seinen Platz neben dem Kutscher ein, nachdem er jede Faser des hellen Holzes der Kutsche noch einmal auf Fehler überprüft hatte. Nach den jüngsten Ereignissen durfte er sich keine Fehltritte mehr erlauben. Die Kutsche war sicher. Das Schwert sass fest am Gürtel. Die Pferde waren schon unruhig vor Warten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch und der kühle Wind peitschte ihm ins Gesicht.

Schnell hatten sich die Gebiete des Herzogs verlassen und fuhren auf der Westlichen Strasse durch die abgelegenen Territorien des Landes. Da das Wetter wolkig, fast etwas diesig war und die Leute sich nach den Anstrengungen der letzten Woche etwas erholten, trafen sie nur wenige Menschen an. Diese Wenigen hatten aber kein Problem dargestellt. Der Tradition nach verneigten sie sich, sobald sie die Kutsche ihres Herrschers sahen, bis diese sie passiert hatte. So gelangten sie langsam, aber sicher Richtung Grenze. Das war besonders zu erkennen an der Qualität der Strasse, die immer schlechter wurde. Die hier Verwaltenden Adligen hatten sich nicht darum gekümmert sie instand zu halten. Für den Herzog jedoch war sie zu weit weg und hatte keinerlei Priorität. So war die Strasse gespickt mit kleinen Lücken und fehlenden Steinen, die das Reisen mit der Kutsche zwar nicht behinderten aber dennoch unkomfortable machten. Gerade als sie den letzten Wald vor der Grenze zurückgelegt hatten, liess die Vorhut die Gesellschaft stoppen. Gemon sprang ab, sah er doch, dass diese einen Grenzwächter begegnet waren. Das war einfach zu erkennen, da die Grenzwächter neben ihrer variablen persönlichen Schutzrüstungen alle den gleichfarbigen schwarzen Mantel mit rotem Hirsch trugen, der sie vor rauem Wetter und Kälte schützte. «Ich grüsse euch! Ich bin der Hauptmann der herzoglichen Leibgarde. Was gibt es neues von diesem Teil der Grenze?», begrüsste er ihn. Der Grenzwächter war ein alter Mann, fast zu alt für die Aufgabe fand er. Er hatte ein ernstes Gesicht und tiefe Augenringe. Mit Sicherheit war er länger als einen Tag wach gewesen. «Kehrt um, mein Herr! Auf der anderen Seite, tausend Fuss von hier haben wir Truppen von Daanre Var ausmachen können. Keine Spähtrupps, sondern gepanzerte Kriegerinnen!» Der weitere Austausch war nicht weiter spannend aber durchaus wichtig für die Planung. Gemon fragte ihn zu den landschaftlichen Begebenheiten und die Position der Truppen aus. Sein Plan sah vor, sie direkt anzusteuern und so nicht zu überraschen und zu provozieren.

Der Herzog wollte um jeden Preis deeskalieren und glaubte fest daran, dass die Dan Vara ihn nicht angreifen lassen würde. Also sassen sie wieder auf und die Reise ging weiter. Der alte Mann hatte recht gehabt. Kaum hatten sie den Wald verlassen, erblickten sie die weite Ebene von Daanre Var. Die Truppen hatten sich verteilt um die Strasse postiert, waren aber in einigem Abstand zur Grenzlinie. Das war ein gutes Zeichen! Und bereits aus der Entfernung, war die mächtige Stadt mit ihren riesigen Türmen, hohen Mauern und schimmernden Steinen zu sehen. Gemon fasste Mut und sie fuhren weiter auf die Kriegerinnen zu, welche sie nun erkannt hatten. Die Anspannung für ihn war zerreissend. Er drehte sich leicht auf der Sitzbank, um schneller an seine Waffe zu kommen, sollte dies notwendig werden. Doch das wurde es nicht. Die Anführerin der Truppe entschied sich schnell und unkompliziert nach einer kurzen Diskussion mit dem Herzog, dass sie ihn mit drei weiteren Kriegerinnen nach Daanre Var begleiten würde. Auch wenn der Grossteil ihrer Gruppe an ihrem Posten zurückblieb. Bemerkenswert war, dass die Strassen um einiges besser waren als im Herzogtum. Die Steine aus denen die Strasse bestand, waren viel kleiner und gleichmässiger als zuhause. Das verschaffte ihnen eine erstaunlich beschleunigte Reise und innert fünf Stunden waren sie vor dem riesigen hell schimmernden Tor der Stadt angekommen.

Es stand weit geöffnet. Gemons Nervosität hatte schon etwas nachgelassen und sein Fokus auf mögliche Gefahren für seinen Herrn schien sich praktisch aufzulösen, sobald sie in die Stadt eingekehrt waren. Es war ein unfassbares Getümmel von verschiedensten Leuten auf der Strasse. Ein wirres Laufen von Kriegerinnen in ihren typischen weisslichen Lederrüstungen, Handwerken mit ihren Werkzeugen und Materialien aber vor allem Händler aller Länder Herkunft. Die Waren auf den Karren knarrten, klimperten und mischten sich mit den lauten Diskussionen über Preise und Dienstleistungen, die an jeder Ecke der Stadt erklangen. Zudem roch es nach exotischen Gewürzen, Schweiss und Färbemittel. Er war so überfordert, dass er fast eine Gestalt in rotem Umhang zu nahe an die Kutsche heranliess. Im letzten Moment schupste er sie sanft aber entschieden mit dem Fuss beiseite. So drängten sie sich Stück für Stück durch die menschenvollen Strassen vor zum Palast.

Dieser war, so musste Gemon neidlos feststellen, ein imposantes und prächtiges Bauwerk. Zwar war es nicht so reich verziert wie der Hofe Varnas, doch war er gebaut aus hellen Steinen, die das Sonnenlicht reflektierten und so wundervoll leuchteten, fast blendeten. Dort angelangt half er dem Herzog, welcher fleissig aus dem Fenster der Kutsche geschaut hatte, da auch er nicht oft ausser Lande reiste, diese zu verlassen. Das Innere des Palastes war ebenfalls vom hellen Stein geprägt, blendete jedoch nicht so wie von aussen. Die Anspannung war enorm. Hier durfte nichts schiefgehen. Ansonsten war sich Gemon sicher, würden er und alle seine Gardisten in tiefen dunklen Verliessen landen. Und das war noch das beste Szenario. «Gemon, ich werde alleine der Dan Vara gegenübertreten. Es gibt wichtige Diskussionen zu führen und ich möchte, dass ihr ausgeruht für die Rückreise seid», sprach der Herzog. Dann wandte er sich an eine der immer noch in der Nähe stehenden Kriegerinnen und winkte sie zu sich. «Sorgt dafür, dass meine Männer etwas Verpflegung und ruhe erhalten, solange ich mit eurer Herrin rede. Zeigt ihnen die berühmte Gastfreundschaft eurer Stadt.» Die Kriegerin, aufmerksam, aber still hörte sich die Bitte an, nickte als Bestätigung und zog sich dann zurück, wobei ihr Posten in der Nähe der Gruppe sofort von einer anderen Kriegerin in braunem Haar aufgefüllt wurde. Und auch wenn es Gemon mulmig zumute war, war er doch von der Disziplin und der höflichen Hartnäckigkeit dieser Kriegerinnen beindruckt. Er nahm sich vor, die eigenen Männer auf ein Ähnliches Niveau zu bringen, sollte er nächstes Mal Zeit für Trainings haben.