Kapitel 5 - Politische Entscheidungen

| Marc Pelzer | Reynal Juliandi

Der Streit lag nun schon 3 Tage zurück. In diesen drei Tagen hatte er weder Yaena gesprochen noch sie gesehen. Sie schien ihn absichtlich zu vermeiden. Eigentlich war es ihm sogar recht, auch wenn er nicht aufhören konnte an sie zu denken. Ausserdem hatte er die Situation nicht mit einer Silbe gegenüber dem Herzog besprochen, seid dieser seine Meinung zu der Aktion abgegeben hatte. Er konnte jedoch spüren, dass der Herzog ihm immer noch böse war. Gestern hatte er Gemon in der Morgenbesprechung ziemlich abwertend angestarrt, als er seine Meinung zu den Vorfällen an der Grenze mitgeteilt hatte. Die meisten Adligen, welche das Fest besucht hatten, waren mittlerweile ausser Landes und damit auch aus den Händen der herzoglichen Sicherheit. Jedoch wurde ein wichtiger Handelskonvoi angegriffen, der von Varnas Eisen nach in die Stadt Daanre Var transportieren sollte. Der Herzog hatte die Nachricht nicht einmal kommentiert und war mit dem Tagesgeschäft fortgefahren. 
Nun sass Gemon im Wachhaus und starrte auf die grobe Maserung des Tisches. Es kratze gedankenverloren daran und löste einen losen Span. Eine weiter Makel im schon viel zu alten und nicht sonderlich künstlerisch gestaltetem Tisch. Plötzlich wurde die Türe der Wachstube heftig aufgestossen. Dummerweise war er so in Gedanken versunken gewesen, dass er heftig erschrak und sich den Span in den Finger rammte. “Mist!”, schrie er heftiger als gewollt aus. Der Ankömmling, der diese Reaktion nicht erwartet hatte, stockte und schloss den Mund wieder, aus welchem er seine dringende Nachricht zu verkünden hatte. “Herr?”, fragte er nach einigen Sekunden: “Ich habe Kunde von der Grenze. Unsere Späher haben einige Gruppen von Kriegerinnen aufklären können. Scheinbar versammelt Daanre Var seine Kräfte.” Ein Tropfen Blut, floss ihm aus dem Finger und fiel auf den Boden. Das war jedoch in dieser Situation egal. Er zog den Span heraus, saugte die Stelle mit dem Mund ab und zog einen Handschuh über die Hand, um den Bericht nicht mit Blut zu beflecken. Kaum wurde ihm das Papier gereicht, rannte er auch schon los. Das waren schlechte Neuigkeiten, sehr schlechte. Die Kriegerinnen von Daanre Var hatten allesamt magisches Talent. Ihre Reflexe waren schneller als jene der normalen Menschen und auch ihre Kraft war grösser als die von regulären Soldaten. Auch schon eine kleine Gruppe der Kriegerinnen könnte ein erhebliches Problem darstellen. Er konnte nicht verstehen, warum die Handelsstadt mit Truppen auf einen Überfall reagierte, der zumal eh nach Daanre Var unterwegs gewesen war. Endlich war er angekommen. Der Herzog war gerade in einer Besprechung mit dem militärischen Berater, um eine Truppenübung zu planen. Perfekt. Die an der Türe postierten Wachen erkannten ihren Hauptmann sofort und öffneten ohne eine einzige Frage die dabei krächzende Türe. 

“Euer Gnaden, Sir”, fiel Gemon dem Berater ins Wort, “Daanre Var mobilisiert Truppen an der Grenze. Wir müssen Aktion ergreifen.” Der General, Sir Treyhem, zuerst gar nicht begeistert von der Unterbrechung, erkannte die Lage sofort. Er war ein kluger Mann und hatte als Kind schon den grossen Krieg miterlebt. Ihm war die Gefahr durch diese magienutzende Kriegerkaste aus Daanre Var durchaus bewusst. Flink schnappte er sich den Bericht und las ihn aufmerksam durch, ohne jedoch weit zu kommen. Der Herzog stand auf, riss ihm den Bericht aus den Händen und las seinerseits das Papier seiner Grenzsoldaten. Ungäubig legte er es auf den Tisch. “Eine Stadt soll uns den Krieg erklären wollen? Wie sollte das Sinn ergeben? Die Dan Vara ist immer zurückhaltend und gleichgültig aufgetreten. Sie wird es nicht riskieren mit ihrem wichtigsten Handelspartner Zwist anzufangen.” Die Dan Vara, erinnerte sich Gemon, war die Anführerin der Kriegerkaste und die Herrscherin über die Stadt sowie all ihre Gebiete. Sir Treyhem meldete sich zu Wort: “Euer Gnaden, wir haben keinerlei Kampfmagier in unseren Reihen. Wenn es zu einem Konflikt kommen sollte, werden wir unsere volle Streitmacht benötigen, damit wir unsere Lande verteidigen können.” Feuermagier liessen sich von Generälen für ein Vermögen anheuern, er hatte diese Leute nie sonderlich gemocht, kamen sie ihm doch so gefährlich rüber mit ihrer Macht. Gesehen hatte er jedoch schon seit zwei Jahren keinen mehr. “Die gesamte Steitmacht, niemals!”, stiess der Herzog aus. “So kurz nach dem Fest werde ich mich hüten Krieger zusammen zu rufen. Das könnte kein schlechterer Zeitpunkt sein. Alle werden denken, dass wir einen Angriff planen.” Eldrik fuhr konzentriert mit seinen Fingern durch den weissen, langen Bart. Gemon fühlte sich fehl am Platz, folgte der Diskussion aber aufmerksam. Sein grösstes Problem würde es sein bei einem Einmarsch das Schloss zu sichern und für Belagerungen zu rüsten. “Lasst mich die Truppen zusammenrufen, Herr. Wir können Boten an unsere Nachbarn schicken, sie werden die Situation verstehen”, schlug der General weiter vor. Als der Herzog immer noch nachdenklich auf den Bericht starrte, versuchte der Berater es abermals. Beim ersten Wort jedoch liess die herzogliche erhobene Hand ihn verstummen. “Ich werde keine Truppen zusammenziehen! Zumindest nicht offiziell...”  
Es brannte Gemon auf der Zunge. Er konnte nicht anders als sich selbst einzubringen: “Euer Gnaden, wieso schicken wir nicht erstmal einen Boten nach Daanre Var, um zu sehen was die Dan Vara zu sagen hat?” 
Eldrik wandte sich an ihn, nicht böse über den Einwand: “Gemon, weisst du was in mit den Kutschen transportiert wurde? Jene die überfallen wurden meine ich.” Er konnte die Frage dem Herzog nicht beantworten. “Es war nicht nur Eisen dabei, sondern auch Runen. Machtvolle Zauber, welche Yaena über Monate vorbereitet hatte. Sie dienen zum Schutz der Stadtmauern. Die jetzigen Schutzzauber der Stadt brechen. Würde diese Information bekannt werden, würde Daanre Var schnell Opfer von Angriffen werden. Am jetzigen Punkt werden sie denken, dass wir entweder die Information verkauft haben oder selbst Planen die Stadt ins Herzogtum zu integrieren.” Sir Treyham fügte hinzu:” Die Lage ist angespannt, aber wir müssen unser Land schützen. Wir dürfen niemandem gestatten in unfriedlicher Absicht auch nur einen Meter über die Grenze zu schreiten. Der Herzog wiederholte sich: “Ich werde keine Truppen zusammenziehen!” Dem Berater blieb nur ein stures Kopfschütteln. “Stattdessen werde ich nach Daanre Var reisen. Gemon, ich möchte morgen vor Tagesanbruch unterwegs sein.” Dieser kam jedoch gar nicht dazu irgendetwas zu antworten, denn Sir Treyham sofort an zu protestieren: “Euer Gnaden das ist Wahnsinn! Seid ihr von Sinnen?! Ihr rennt in die Hände der Feinde!” Eldric Valerian stand mit einem Ruck auf und erinnerte seinen Berater mit einem tiefen, strengen Blick, wer der Herzog von Varnas war und die Entscheidungen traf. Und die Entscheidung war gefallen. “Mir wird nichts geschehen, auch Daanre Var ist auf Aufklärung angewiesen. Sie werden mich zumindest mit der Dan Vara reden lassen. Und ausserdem”, er blickte auf Gemon, “werde ich meine Leibwache mitnehmen.” Daraufhin liess er seine zwei Gefolgsleute im Saal zurück. 
“Behalte ihn am Leben”, forderte ihn Sir Treyham mit aufgebrachter Stimme auf, bevor auch er hektisch das Zimmer verliess.  
Gemon schluckte und machte sich an die Arbeit.