Kapitel 4 - Seltsame Vorkommnisse

| Marc Pelzer | Lorys Germany

Wie konnte er es wagen?! Durchzubrennen mit der Hofmagierin und das auch noch vor aller Augen! Nach dem Tod seines Vaters hatte er ihn aufgezogen wie den eigenen Sohn. Und was bekam er dafür? Ein Messer in den Rücken. Verbittert versuchte der Herzog sich zu beruhigen. Nur mit aller grösster Mühe gelang ihm das. Er drehte sich von den Zwei weg und stampfte aufs Buffet zu, wobei er peinlichst darauf achtete seinem Zorn niemandem zu zeigen, um keine Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Mit diplomatischem Geschick schluckte er die Wut herunter. Zum Glück war der Fürst des Rotwaldes am anderen Ende des Saales beschäftigt. Seine Tochter war es, die der Herzog mit seinem Hauptmann liieren wollte, um den Osten des Herzogtums näher an sich zu binden. Die dort ansässigen Leute, hatten seit Generationen das Gefühl, sie könnten sich abspalten und ein eigenständiges kleines Herzogtum ausrufen. Oft war der Krieg nur einen Steinwurf entfernt gewesen, doch hatte geschicktes Verhandeln stehts den inneren Frieden bewahrt. Durch die einmalige Gelegenheit einer Hochzeit könnte dieses Problem ein für alle Mal geregelt werden. Das alles aufs Spiel zu setzen war töricht, gar idiotisch von dem Jungen. Womöglich verstand dieser nicht einmal, was für weitreichende Folgen sein blosses Verhalten an diesem Fest haben konnte. Er würde sich ihn und auch Yaena morgen vorknüpfen.  
 
Das Fest war vorbei und die Gäste hatten wieder einmal und ohne Zweifel die beste Zeit ihres Lebens genossen. Das traf jedoch nicht auf ganz alle zu. Gemon hatte keine Sekunde der Nacht mit Schlafen verbracht. Er hatte das Fest direkt verlassen, als der Blick des Herzogs ihn konfrontiert hatte. Nun war er gebeten worden sich in den kleineren Thronsaal zu begeben. Er hatte eine schlimme Vorahnung. Durfte er sich denn nicht amüsieren? Wie konnte der Alte denn immer so griessgrämig werden? 

Auf dem Weg durchs Schloss verstärkte sich sein mulmiges Gefühl weiter, irgendetwas liess seine Organe verknoten und das Blut gefrieren. Normalerweise hatte er keine Angst vor dem Herzog. Er war ihm wie ein Vater und trotz den vielen Dummheiten und Fehlern, die er in seiner Vergangenheit begangen hatte, war der Herzog immer fair zu ihm gewesen. Das hiess nicht, dass Gemon nie bestraft worden wäre, ganz im Gegenteil, doch waren es immer Strafen zum Nachdenken gewesen. Vor dem Thronsaal angekommen hörte er bereits die wütende Stimme des Herzogs, der dabei war über Yaena herzuziehen. Seinen Worten nach war ihr gestriges Verhalten eine Gefahr für die Politik gewesen. Unverständlich und nun selbst in Wut aufbrausend schüttelte Gemon den Kopf und öffnete die Tür. 

Der Herzog verstummte und wartete er sich dem auf einer Stufe befindlichen Thorn genähert hatte. Er erblickte Yaena, sie stand den Tränen nahe. Er schluckte, da war keine Wut mehr in ihm, kein Funken Kampfgeist und er begriff, dass er vielleicht doch einen Fehler begangen hatte. “Du weisst, warum ich sauer auf euch bin?”, fragte ihn Eldric Valerian mit nun etwas gezügelter Stimmlage. “Herzog verzeiht”, absichtlich mit Titel angesprochen, hoffte Gemon die Situation zu entschärfen, “Ihr habt mich einer anderen Frau versprochen und ich habe mich darüber hinweggesetzt.” Der Herzog nickte grimmig: “Immerhin noch schlau genug den eigenen Fehler zu sehen, wenn auch dumm genug ihn trotzdem zu begehen! Ihr zwei seid neben meinen Beratern die am höchsten gestellten Personen am Hof. Ich weiss, dass ihr jung seid, doch ist es verdammt schwer eine bessere Magierin zu finden als dich Yaena.” Die Worte beruhigten sie geringfügig, wobei ihr wohl erst gerade klargeworden war, welches Problem sich gestern ereignet hatte. “Und du Gemon, als Hauptmann der Leibgarde hast du mich zu schützen! Und sollte ich das falsch sehen korrigiere mich, jedoch ist ein Herzog inmitten eines Bürgerkrieges oder sogar Schlimmerem nicht besonders sicher untergebracht.” 

Die Verwirrung war Gemon ins Gesicht geschrieben. Er wich dem Blick seines Gegenübers aus. Da begann der Herzog in aller Einzelheit zu erklären, wie vor sechzig Jahren der letzte Berater aus dem Fürstentum Rotwald im grossen Krieg der sieben Reiche das Herzogtum an den damalig noch herrschenden König aus dem Hause Delmont verraten hatte. Seit diesem Zeitpunkt hatte sich eine Kluft zwischen dem Fürstentum und dem Herzogshaus geschlagen und das Vertrauen war nie wieder richtig wiederhergestellt worden. Diesen längst überfälligen Akt hatte Eldric nun vor durchzuführen. Da er jedoch keine Söhne hatte, war Gemon als dem Herzog nahestehende Person auserwählt worden, die Erbprinzessin von Rotwald zu heiraten. Das wäre sogar ein gesellschaftlicher Aufstieg für ihn, denn er würde damit der Erbe des Fürsten werden, sollte der alte Mann nicht noch einen Sohn bekommen. 
Yaena war erschüttert, alles, was sie da hörte, war neu für sie. Die innere Politik des Herzogtums war nicht ihr Aufgabenbereich und sie hatte sich auch nie dafür interessiert. Doch über allem hinweg war sie in Rage bezüglich Gemons. Hätte er sie nicht in dieses ganze Schlamassel gezogen und direkt die Wahrheit gesagt, wäre der Herzog nicht derart sauer auf sie geworden. Sie konnte sich im gegensatz zu ihm nicht auf einer adligen Geburt ausruhen. Sollte man sie vom Hofe ausschliessen, bliebe ihr nichts.  

Als der Herzog fertig war und ein klares Machtwort gesprochen hatte, flog sie auch schon aus dem Saal. Gemon wollte sie noch sprechen, doch sie ignorierte seine Worte. Sie schritt auf den Ostflügel zu. Er folgte ihr. Kurz überlegte sie, ob sie eine magische Barrikade hinter sich errichten sollte, um ihn abzuhalten. Sie zog Magie in ihre Hände und formte mit den Fingern die Runenstruktur, doch das Licht, welches sich in ihren Handflächen bündelte, war zu wenig. Es zerbrach gläsern und die wenigen Scherben verglühten in grellem Licht am Boden. Was zum Teufel war da los? War sie derart aufgewühlt? Gemon redete immer noch auf sie ein. Sie verstand kein Wort, hörte absichtlich weg, denn es war ihr egal. Endlich war sie an ihrem Gemach angekommen, schnell öffnete sie es und schlug die schwere Türe vor den Augen des Mannes zu, den sie gestern noch geküsst hatte. Idiot!