| Marc | Fabian Wiestner
Die aufgehende Sonne verkündete das Ende der Nacht. Ihre Strahlen schienen etwas roter als gewöhnlich, so als ob sie von den schrecklichen Geschehnissen der Nacht erzählen wollten. Der noch verbliebe Nebel löste sich langsam auf und gab verbrannte Erde sowie die zahlreichen Opfer des nächtlichen Gemetzels preis. Vielerorts trauerten einzelne Stammeskämpfer um ihre Gefährten oder umgekehrt. Falken flogen alarmiert in weiten Kreisen über dem Dorf, doch erspähten sie keine weiteren Gefahren.
K’sar hockte neben seinem verwundeten Bären. Seine entblösste Brust war gespickt von leichten Wunden und Blutflecken. Das Fell über seiner Schulter war zerrissen und hing locker an der rechten Seite herunter. Doch störte ihn das alles nicht. Er blickte zu seinem Gefährten: Der riesige Bär hatte einen hässlichen Hieb über eines der Augen erlitten. Zudem hatte er zahlreiche Wunden an seinen Seiten. K’sar hoffte zutiefst, dass der Bär überleben würde. Er legte eine Hand auf die Wunde am Auge und drang in den Kopf seines Gefährten ein, beruhigte ihn.
Etwas weiter war Tirion auf die Beine gekommen und zum Gebüsch gestapft, von wo aus ihm Ja’nemeri das Leben gerettet hatte. Er fand sie dort entkräftet liegen, beschützt von ihrem Wolf, der sich ebenfalls verborgen hielt, ihn jedoch passieren liess. Sie hatte ein Verband um ihren Oberkörper gebunden. Dieser war blutgetränkt, die Wunde musste ausgerissen sein. Sie lächelt ihn zufrieden an, genau wie sie es bei ihrem ersten Aufeinandertreffen getan hatte. “Verrücktes Mädchen”, dachte Tirion und schüttelte grinsend den Kopf. Zusammen gingen sie schwerfällig in Richtung Dorf zurück. Dort machten sich bereits die Unverwundeten daran ihre Freunde auf improvisierten Liegen zu versorgen. Nachdem er Ja’nemeri bei den anderen abgeliefert hatte, überprüfte er sein eigenes Wohlergehen. Der Umhang war von Kampf leicht mitgenommen und seine Kleidung war teilweise vom Nutzen des Feuers leicht verkohlt. Jedoch hatte er sonst keinen Kratzer abbekommen. Er war müde, lief auf die Hütte der Schamanin zu und setzte sich zum Ausruhen auf die davor befindliche Bank.
Am Mittag waren alle Gefallenen von den Kampfplätzen geborgen worden. Sie wurden der Tradition nach begraben und mit einem Baum überpflanzt. Das, so glaubten die Leute des nördlichen Stammes, erleichterte ihnen den Weg in die ewigen Weiten. Tirion gefiel der Gedanke. Lange stand er vor der Fläche, welche von Setzling gespickt war und in vielen Jahren einen dichten, wenn auch sehr kleinen Wald bilden würde. Den Helden des Stammes den gebührenden Respekt zollend, beobachtete er die Gräber. Diese Kämpfer hatten es ihren Familien und Freunden ermöglicht weiterzuleben. Ihn selbst erfüllte jedoch gar nicht das Gefühl eines Helden. Es war seine erste Schlacht gewesen und wenn es nach ihm ginge auch seine Letzte. Der Gedanke an den Kampf liess ihn schaudern. In der Gilde hatte man ihm beigebracht seine Magie zum Kampf einzusetzen, doch es effektiv zu tun und damit Leben zu nehmen war einfach nur abscheulich gewesen. Was hätte sein Mentor wohl jetzt zu sagen gehabt?
Ein Schritt näherte sich von hinten und Tirion zuckte leicht zusammen. Es war die Schamanin. Sie stellte sich neben ihn und blickte wortlos auf die Lichtung. Ohne einen Laut von sich zu geben, fingen der Alten an Tränen über das Gesicht zu laufen. Er wollte irgendetwas sagen, doch es gab keine Worte für das, was er auszudrücken hatte. Also blieben sie beide stumm nebeneinanderstehen.
Nach einiger Zeit wischte sich Thuli die Wangen trocken und wandte sich an den Magier: «Lasst uns etwas essen, ihr müsst euch erholen.» Tatsächlich hatte er im ganzen Gefühlschaos vergessen, wie ausgetrocknet er war und dass er schon seit zwei Tagen nichts mehr Gescheites zu Essen zu sich genommen hatte.
Im Hauptzelt des Dorfes war in einem grossen Kessel Eintopf gekocht worden. Das wohlriechende Essen verbreitete einen angenehmen Duft, der die betrübte Stimmung etwas aufheiterte. Der Eintopf schmeckte versalzen, doch niemand beschwerte sich, es war einfach wohltuend die Reserven nach einer solchen Nacht wieder aufzufüllen. Gemeinsam assen der Magier und die Schamanin an einem kleinen hölzernen Tisch, der mit zahlreichen anderen auf dem Dorfplatz aufgestellt worden war. Thuli eröffnete das Gespräch: “Als ich ein Kind war, haben die Ältesten beschlossen sich von der Welt zu distanzieren und versteckt zu leben. Doch ihr habt uns gefunden. Diese Fanatiker haben uns gefunden. Ich glaube tief im Herzen haben es immer alle gewusst, dass wir nicht vor der Welt davonrennen können. Sie holt uns ein, ob wir es wollen oder nicht.” Tirion starrte auf seine hölzerne Schale. “Wenn ihr es wünscht, werde ich niemandem von eurem Dorf erzählen, doch seid euch bewusst, dass die Gilde von euch gehört hat. So bin ich immerhin erst auf euch gekommen.” Thuli drehte den Kopf und blickte ihn an. “Ich bin mir dem bewusst Tirion, denn immerhin war ich es, die dieses Wissen an eurer Gilde gab. Du hast mich gestern gefragt, woher ich deinen Meister kenne, und ich schulde dir noch eine Erklärung. Dies scheint mir ein passender Moment zu sein.” Erstaunt über diese offene Kundgebung spitzte Tirion die Ohren. “Als ich noch jung war, hatte der Konflikt der Stämme gerade aufgehört. Es war ein langer, schrecklicher Krieg gewesen, der unseren Stamm dazu bewegt hatte, sich in diese Lande zurückzuziehen. Zuvor hatten wir im grossen Wald, der jetzt Forest of madness heisst gelebt. Dort war es immer aufregend gewesen, ganz anders als hier. Wild wie ich war, übermannte mich eines Tages die Sehnsucht nach Abenteuer und ich schlich mich fort, um die Welt zu bereisen. Ich traf Fyodor in Uduas und verliebte mich sofort in ihn. Wir reisten ein Jahr durch die Welt, ohne dass ich ihm auch nur einmal verriet, woher ich kam und wer ich war. Doch es kam der Moment, an dem ich ihm alles gestand. Als er dann von seinem Meister an die Gildenschule berufen wurde, standen wir vor einer Entscheidung: Ich würde nicht mit ihm gehen können, doch würde er auch nicht vom Stamm akzeptiert werden, wobei ich nicht einmal selber wusste, was mich bei einer Rückkehr erwarten würde. An jenem Tag trennten sich unsere Wege. Wie du weisst, ging Fyodor an die Gildenschule und ich kehrte zum Stamm zurück.” Thuli lächelte beim Gedanken an die alten Zeiten und Tirion entwich ein Laut des Erstaunens. Niemals hätte er sich dies vorstellen können. Er hatte immer gedacht sein alter Mentor hätte ihm alles erzählt, doch war das wohl weit von der Wahrheit entfernt.
K’sar hockte neben seinem verwundeten Bären. Seine entblösste Brust war gespickt von leichten Wunden und Blutflecken. Das Fell über seiner Schulter war zerrissen und hing locker an der rechten Seite herunter. Doch störte ihn das alles nicht. Er blickte zu seinem Gefährten: Der riesige Bär hatte einen hässlichen Hieb über eines der Augen erlitten. Zudem hatte er zahlreiche Wunden an seinen Seiten. K’sar hoffte zutiefst, dass der Bär überleben würde. Er legte eine Hand auf die Wunde am Auge und drang in den Kopf seines Gefährten ein, beruhigte ihn.
Etwas weiter war Tirion auf die Beine gekommen und zum Gebüsch gestapft, von wo aus ihm Ja’nemeri das Leben gerettet hatte. Er fand sie dort entkräftet liegen, beschützt von ihrem Wolf, der sich ebenfalls verborgen hielt, ihn jedoch passieren liess. Sie hatte ein Verband um ihren Oberkörper gebunden. Dieser war blutgetränkt, die Wunde musste ausgerissen sein. Sie lächelt ihn zufrieden an, genau wie sie es bei ihrem ersten Aufeinandertreffen getan hatte. “Verrücktes Mädchen”, dachte Tirion und schüttelte grinsend den Kopf. Zusammen gingen sie schwerfällig in Richtung Dorf zurück. Dort machten sich bereits die Unverwundeten daran ihre Freunde auf improvisierten Liegen zu versorgen. Nachdem er Ja’nemeri bei den anderen abgeliefert hatte, überprüfte er sein eigenes Wohlergehen. Der Umhang war von Kampf leicht mitgenommen und seine Kleidung war teilweise vom Nutzen des Feuers leicht verkohlt. Jedoch hatte er sonst keinen Kratzer abbekommen. Er war müde, lief auf die Hütte der Schamanin zu und setzte sich zum Ausruhen auf die davor befindliche Bank.
Am Mittag waren alle Gefallenen von den Kampfplätzen geborgen worden. Sie wurden der Tradition nach begraben und mit einem Baum überpflanzt. Das, so glaubten die Leute des nördlichen Stammes, erleichterte ihnen den Weg in die ewigen Weiten. Tirion gefiel der Gedanke. Lange stand er vor der Fläche, welche von Setzling gespickt war und in vielen Jahren einen dichten, wenn auch sehr kleinen Wald bilden würde. Den Helden des Stammes den gebührenden Respekt zollend, beobachtete er die Gräber. Diese Kämpfer hatten es ihren Familien und Freunden ermöglicht weiterzuleben. Ihn selbst erfüllte jedoch gar nicht das Gefühl eines Helden. Es war seine erste Schlacht gewesen und wenn es nach ihm ginge auch seine Letzte. Der Gedanke an den Kampf liess ihn schaudern. In der Gilde hatte man ihm beigebracht seine Magie zum Kampf einzusetzen, doch es effektiv zu tun und damit Leben zu nehmen war einfach nur abscheulich gewesen. Was hätte sein Mentor wohl jetzt zu sagen gehabt?
Ein Schritt näherte sich von hinten und Tirion zuckte leicht zusammen. Es war die Schamanin. Sie stellte sich neben ihn und blickte wortlos auf die Lichtung. Ohne einen Laut von sich zu geben, fingen der Alten an Tränen über das Gesicht zu laufen. Er wollte irgendetwas sagen, doch es gab keine Worte für das, was er auszudrücken hatte. Also blieben sie beide stumm nebeneinanderstehen.
Nach einiger Zeit wischte sich Thuli die Wangen trocken und wandte sich an den Magier: «Lasst uns etwas essen, ihr müsst euch erholen.» Tatsächlich hatte er im ganzen Gefühlschaos vergessen, wie ausgetrocknet er war und dass er schon seit zwei Tagen nichts mehr Gescheites zu Essen zu sich genommen hatte.
Im Hauptzelt des Dorfes war in einem grossen Kessel Eintopf gekocht worden. Das wohlriechende Essen verbreitete einen angenehmen Duft, der die betrübte Stimmung etwas aufheiterte. Der Eintopf schmeckte versalzen, doch niemand beschwerte sich, es war einfach wohltuend die Reserven nach einer solchen Nacht wieder aufzufüllen. Gemeinsam assen der Magier und die Schamanin an einem kleinen hölzernen Tisch, der mit zahlreichen anderen auf dem Dorfplatz aufgestellt worden war. Thuli eröffnete das Gespräch: “Als ich ein Kind war, haben die Ältesten beschlossen sich von der Welt zu distanzieren und versteckt zu leben. Doch ihr habt uns gefunden. Diese Fanatiker haben uns gefunden. Ich glaube tief im Herzen haben es immer alle gewusst, dass wir nicht vor der Welt davonrennen können. Sie holt uns ein, ob wir es wollen oder nicht.” Tirion starrte auf seine hölzerne Schale. “Wenn ihr es wünscht, werde ich niemandem von eurem Dorf erzählen, doch seid euch bewusst, dass die Gilde von euch gehört hat. So bin ich immerhin erst auf euch gekommen.” Thuli drehte den Kopf und blickte ihn an. “Ich bin mir dem bewusst Tirion, denn immerhin war ich es, die dieses Wissen an eurer Gilde gab. Du hast mich gestern gefragt, woher ich deinen Meister kenne, und ich schulde dir noch eine Erklärung. Dies scheint mir ein passender Moment zu sein.” Erstaunt über diese offene Kundgebung spitzte Tirion die Ohren. “Als ich noch jung war, hatte der Konflikt der Stämme gerade aufgehört. Es war ein langer, schrecklicher Krieg gewesen, der unseren Stamm dazu bewegt hatte, sich in diese Lande zurückzuziehen. Zuvor hatten wir im grossen Wald, der jetzt Forest of madness heisst gelebt. Dort war es immer aufregend gewesen, ganz anders als hier. Wild wie ich war, übermannte mich eines Tages die Sehnsucht nach Abenteuer und ich schlich mich fort, um die Welt zu bereisen. Ich traf Fyodor in Uduas und verliebte mich sofort in ihn. Wir reisten ein Jahr durch die Welt, ohne dass ich ihm auch nur einmal verriet, woher ich kam und wer ich war. Doch es kam der Moment, an dem ich ihm alles gestand. Als er dann von seinem Meister an die Gildenschule berufen wurde, standen wir vor einer Entscheidung: Ich würde nicht mit ihm gehen können, doch würde er auch nicht vom Stamm akzeptiert werden, wobei ich nicht einmal selber wusste, was mich bei einer Rückkehr erwarten würde. An jenem Tag trennten sich unsere Wege. Wie du weisst, ging Fyodor an die Gildenschule und ich kehrte zum Stamm zurück.” Thuli lächelte beim Gedanken an die alten Zeiten und Tirion entwich ein Laut des Erstaunens. Niemals hätte er sich dies vorstellen können. Er hatte immer gedacht sein alter Mentor hätte ihm alles erzählt, doch war das wohl weit von der Wahrheit entfernt.
