| Marc Pelzer | Lorys Germany
Die Nacht war schon fast vorüber. Tirion war nervös. Nachdem er sein Einverständnis gegeben hatte, war die alte Schamanin direkt zur Vorbereitung des Rituals übergegangen: Sie forderte Kräuter, von dessen Namen er noch nie gehört hatte und liess sich allerlei Gegenstände befüllen und in ihre Hütte bringen. Danach hatte sie andere Stammesmitglieder angewiesen die Wunde Ja’nemeris zu desinfizieren und möglichst zu versorgen. Der Magier wartete nun vor der kleinen mit Moos bewachsenen Hütte, aus dessen winzigem Fenster das Licht eines kleinen Feuers austrat. Niemand redete mit ihm. Er hatte die Krieger zurückkehren sehen, doch ihre Minen liessen erraten, dass sie den Angreifern nicht begegnet waren. Ausserdem hatte sich der Wolf des Mädchens vor die Hütte gelegt und zusammengerollt. Von Zeit zu Zeit winselte er ein wenig, als erhoffte er sich eine Antwort von der in der Hütte liegenden Gefährtin. Alle Rufe blieben unbeantwortet. Vor der dunklen, leicht von Pilzen überwachsenen Vorderwand der Hütte stand eine kleine Bank. Nachdem Tirion lange gewartet hatte, beschloss er sich hinzusetzen. Er lehnte sich zurück und musste erstaunt feststellen, dass er in dieser Position sehr bequem sitzen konnte. Er wartete weiter. Ab und an kamen Leute an ihm vorbeigeschritten, doch dies entzog sich seiner Aufmerksamkeit. Die Augen fielen ihm langsam zu und er begann trotz tausender Gedanken im Kopf etwas zu schlafen.
Eine Stimme drängte ihn aus seinen Träumen: «Junger Magier, wacht auf!» Er öffnete die Augen. Das Licht der aufgehenden Sonne blendete ihn. Er fasste sich und kniff die Augen zusammen. Vor ihm stand ein grosser Mann dessen Gesicht von einer ledernen Kapuze verhüllt war. Er trug einen kurzen Bart, hatte eine grosse Nase und beäugte ihn aufdringlich mit den dunklen Augen. «Die Schamanin erwartet euch, geht hinein, rasch!»
Froh die feuchte Kälte zu verlassen, stand er noch etwas unbeholfen auf und schritt unter Beobachtung des Mannes durch die knarrende Tür in die Hütte herein. Die Schamanin hatte einen Kreis aus weisser Farbe auf die steinernen Bodenplatten gemalt. Mittig im Kreis stand eine Kerze, die eine Schale erhitzte, welche auf einem drahtigen Gerüst darüber gehalten wurde. Sie deutet ihm sich in den Kreis zu setzen. Anschliessend instruierte sie ihn: «Was du gleich erleben wirst sind deine Erinnerungen an die Vergangenheit. Welche Erinnerungen du erleben wirst, hängt von deinen Gedanken ab. Du musst dich auf die Erinnerung konzentrieren und diesen Fokus aufrechterhalten. Dabei halte ich die Verbindung zur Gegenwart intakt. Du wirst jedoch nur eine Stunde haben. Einerseits wird das meine ganze Kraft benötigen und andererseits… Ja’nemeri ist ein starkes Mädchen, doch ihr läuft die Zeit davon.»
«Woher sollen wir wissen, dass ich in meiner Vergangenheit eine Methode zur Heilung von Flüchen gelernt habe? Und selbst wenn, woher wissen wir wo ich suchen soll?», platze Tirion heraus. Die Alte lächelte ihn zurückhaltend an. «Ich habe grosse Zuversicht. Und vielleicht werde ich dir später davon erzählen. Du wirst in deine Ausbildungszeit reisen müssen. Erinnere dich an Fyodor van Keist.» Tirion weitete die Augen. Woher kannte die Schamanin diesen Namen? Obwohl die Frage auf seiner Zunge lag, konnte er sie nicht stellen. Die Alte drängte ihn zum Trinken des Getränks, welches sich in der Schale vor ihm befand. Er streckte die Hand aus und umgriff die bronzene Schale mit beide Händen. Das Gebräu dampfte leicht und roch nach einem schrecklich starken und bitteren Tee. Sein Gesicht formte sich zu einer Grimasse. Es hielt ihn allerdings nicht davon ab, zügig einen Schluck zu nehmen. Kaum berührte die Flüssigkeit seinen Mund explodierte der Geschmack förmlich: Er schmeckte den starken sauren Charakter mit heftigen bitteren Noten und einer unerwarteten Schärfe. Dazu kam ein ausdehnendes Brennen von hoch prozentigem Alkohol. Es war kein angenehmes Gefühl und nur mit Mühe schluckte er das Gebräu herunter. Die Augen kniffen sich dabei zu und fingen an zu tränen. «Denke an meine Worte», hörte er die Schamanin sagen, «fokussiere dich!».
Plötzlich entfielen im Gaumen das brennende Beissen und der unerträgliche Geschmack. Auch die Augen schienen nicht mehr zu tränen. Er öffnete sie erstaunt. «Das scheint ja schneller zu wirken als vermutet», dachte sich Tirion, als er wie aus dem Körper gefahren über seinem jüngeren selbst schwebte. Der Moment auf den sich der Magier fokussiert hatte war tatsächlich erschienen: Er war noch ein kleiner Junge gewesen, als er seine erste Woche in der Gildenschule verbracht hatte. Gerade wurde sein junges Ich mit einer Gruppe von anderen Novizen durch die Schule geführt, wobei die Jungen und Mädchen in diesem Moment die Bibliothek bestaunten.
Genau zu diesem Zeitpunkt hatte der junge Tirion das erste Mal mit den legendären Fyodor van Keist gesprochen. Von über den Köpfen war zu sehen, wie der Junge sich von der Traube aus Novizen löste und auf einen weissbärtigen alten Mann in reich verzierter roter Kutte zuging. Tirion merkte, wie er sogar die damals verspürte Neugierde, wahrnehmen konnte, sobald er sich auf den kleinen Jungen konzentrierte. Dann beobachtete er das Gespräch der beiden welches zwar oberflächlich verlief aber den Jungen in Ehrfurcht und den Erzmagier in Erstaunen zurückliess. Normalerweise waren Erzmagier von der Pflicht zu unterrichten befreit. Dies war der Fall, da diese oft schon lange an der Schule als Meister unterrichtet hatten und im sich im fortgeschrittenen Alter der Forschung um neue Sprüche widmeten. Erzmeister van Keist war eine Ausnahme gewesen. Er war von einem der Gründungsväter ausgebildet worden und genoss einen legendären Ruf. An die Schule kam er erst danach und direkt als Erzmeister. Zu Tirions Zeit war er mit stolzen 105 Jahren der älteste Magier der Schule gewesen. Er lächelte freudig in Gedanken an den alten Mann. In dieser Erinnerung schien nichts weiter zu finden zu sein. Er konzentrierte sich und die Umgebung verschwamm. Einige Momente später formte sich erneut eine Szene. Tirion konnte sein junges selbst mit Erzmeister van Keist in der Bibliothek sehen. Dieser hatte nach dem ersten Jahr beschlossen, dem jungen Tirion als Mentor beizustehen. Oft wurde der Junge in der Bibliothek unterrichtet. Das hatte ihm oft schwer zugesetzt, denn diese Sonderbehandlung brachte ihm absolut keine Sympathie bei den anderen Novizen ein.
Tirion blickte sich um: Sein damaliger Mentor sass in seiner roten, mit goldenen Runen bestickten Kutte auf einem Kirschholzstuhl an einem kleinen Pult. Daneben stand der junge Tirion in ebenfalls rotem Novizenumhang. Dieser war wesentlich schlichter gestaltet, hatte aber eine Kapuze, welche der junge Lehrling zu tragen pflegte. Die staubige Bibliothek hatte nur wenige und kleine Fenster. Daher stand auf dem Licht eine magische Kerze. Diese brannte in einem Wirbel eine Handbreite in die Höhe und belichtete das Pult stark genug, um daran arbeiten zu können. Tirion fokussierte sich nun auf das Gespräch. Erzmagier van Keist sprach über die Anwendung von punktierter Magie, um komplexe Strukturen zu schaffen. Dies hatte sein Mentor oft getan. Er war einer der wenigen Magier, die sowohl Magie in Feuer umsetzen konnten, als auch über Lichtmagie verfügten. Diese Art der Magie konnte Barrieren und andere lang bestehende Effekte bilden. Gerade dies hatte van Keist zu seinem legendären Ruf verholfen. «Die stark fokussierte Freisetzung von Hitze in winzigen Mengen kann wirken wie tausende von brennenden Nadeln. Sie kann Steine zum Bersten bringen und Metall zum Schmelzen. Schau dir diese Zeichnung an.» Der Erzmagier streckte seinem wenig interessierten Schützling ein Pergament hin. Tirion sah es vor sich. Diese Art der Magie hatte er nie richtig umsetzen können. Er dachte schon darüber nach in die nächste Erinnerung zu springen, da sprach sein Mentor weiter. «Wenn du diese zerstörerische Kraft jedoch in Richtung und Wirkungsbereich reduzierst, kannst du damit feiner arbeiten. Bildlich gesprochen wären es dann hunderttausende von Nadeln. Damit könntest du krankes Gewebe sehr kontrolliert entfernen. Dies ist eine der mächtigsten Arten von Heilung die du als Feuermagier erlernen kannst.» Tirion schreckte auf. Fast verlor er die Erinnerung. Er war unheimlich aufgeregt, sodass er kurz sogar anfing zu zittern. Schnell konzentrierte er sich erneut und hörte aufmerksam zu. Die Antwort auf seine Fluch-Frage lag zu seinen Füssen und er nahm sie dankend auf.
