Kapitel 5 - Der Todesfluch

| Marc Pelzer | Ewan Smith

Sofort hatte man das Mädchen auf den von Fellen gepolsterten Boden gelegt. Ausserdem waren einige kräftige Gestalten, zweifellos Krieger des Stamms augenblicklich aus dem Zelt gestürmt, um den Angriff abzuwehren. Thuli, die alte Schamanin hatte sich neben das Mädchen gehockt. Sie hatte die sehr dünne, schwarze Klinge zwischen den Rippen entfernt. Tirion hatte nur begrenztes Wissen über die Heilung von Wunden, denn sosehr er auch an den meisten Fächern in seiner Ausbildung interessiert war, hatte ihn die Kunst der Medizin und Heilung wenig interessiert. Er war viel erpichter auf die verschiedenen Angriffszauber gewesen. In dieser Situation bereute er das allerdings. «Meine Dame, in der Gildenschule lehrt man uns nicht viel, doch was ich beisteuern kann, werde ich tun», bat Tirion seine Hilfe formell an. Die Alte blickte kurz auf und sah in seine Augen. «Hilf mir, den Stoff um die Wunde zu entfernen wenn du helfen möchtest.» Die Stimme klang immer noch rau, aber es lag auch ein unterschwelliger Ton von Verzweiflung und Wut darin. Tirion drängte sich durch die mittlerweile ruhigeren Leute und kniete sich gegenüber von Thuli. Er half ihr den Stoff dicken und triefenden Stoff zu entfernen. Der Stoff gab etwas frei, was ihm das Blut in den Adern gefrieren liess: Die Wunde war umgeben von einem sich kreisförmig ausbreitenden dunkelgrünen Fäulnis, welches leicht rauchte. Er blickte zur Schamanin hinüber, um zu erfahren, was sie davon hielt. Im Gesicht der Alten stand Entsetzen. «Was ist das?», fragte Tirion mit leisen Worten sie. «Diese kleine und unscheinbare Klinge, junger Magier, kommt nicht aus unserer Welt. Sie ist verdammt. Ein Fluch lastet nun auf dem armen Mädchen. Ein Fluch, der sie langsam in die dunklen Wälder zieht, aus denen sie nie wieder zurückkehren wird.» «Ich verstehe nicht ganz», erwiderte Tirion. «Ja’nemeri befindet sich zwischen Leben und Tod. Die Wunde ist magischer Natur, hier helfen keine Kräuter und keine Extrakte mehr. Meine Fähigkeiten können das Mädchen nicht retten. Ich bin mir nicht mal sicher ob wir für sie überhaupt noch etwas tun können.» Die Alte beendete den Monolog, schaute auf und blickte nachdenklich auf das nahegelegene Feuer, als ob sie darin eine Antwort vermutete. Nach einiger Zeit murmelte sie weiter: «Magie kann nur mit Magie bekämpft werden. Das Tor zwischen den Welten, durch welches Ja’nemeri ins Reich der Toten gezogen wird, muss geschlossen werden. Magier! Du musst das tun. Mir ist bewusst, dass du uns nichts schuldest. Doch wir haben keine Wahl. Bitte, hilf mir und rette dieses Mädchen.» 

Tirion hatte grosses Selbstvertrauen. Seine Fähigkeiten waren an der Gildenschule bewundert worden. Irgendwie hatte er nie gross lernen oder begreifen müssen. Seine Intuition hatte ihn viele Kunststücke vollführen lassen. Manche hatten es Talent genannt, manche unfair, ihm war es gleichgültig. Immer hatte er volles Vertrauen in sich und seine Intuition gehabt. Doch nun, wo er durch die Welt streifte, fehlte von seiner Intuition jede Spur. Er war ratlos, traute sich aber nicht, dies der alten Schamanin zu gestehen. Scham stand ihm ins Gesicht geschrieben. «Ich habe es gesehen junger Magier, ich habe es gelesen. Die Knochen haben zu mir gesprochen: Du wirst uns von einer Plage befreien, oder du wirst uns eine Plage bringen. So ist es vorbestimmt. 

Der Magier wusste nicht ganz wie darauf angebracht zu reagieren war. Normalerweise hätte er in einer solchen Situation die innere Unsicherheit einfach ignoriert und mit gespielter Selbstsicherheit vorgetragen dass er alles hinkriege, doch war das hier anders. Tirion fasste einen Entschluss. Er konzentrierte sich, blickte abermals auf die vom Fluch betroffene Stelle auf dem Körper des Mädchens. Der Keim befand sich unterhalb ihrer linken Brust. Das grünliche Netz welches sich aus der Wunde herauswand pochte leicht in regelmässigem zeitlichen Abstand. Er streckte seine Hand aus und versuchte sich krampfhaft an seine Ausbildung zu erinnern. Er liess Magie in seine Hand fliessen, konzentrierte sie aber nicht, wie es für das Entzünden von Feuer üblich war, sondern festigte ein Potential auf der ganzen Handfläche. Was war der nächste Schritt gewesen? Tirion erinnerte sich nicht. Doch vermutete er damit die Verletzung abtasten zu müssen. Als er dies jedoch tat, erfuhr er nichts, spürte nichts und tat nichts. Er erhob enttäuscht die Stimme: «Es tut mir leid. Ich habe viele Fähigkeiten und kenne mich aus mit Zaubern, jedoch habe ich, obwohl ich es mal gelernt hatte, keine Ahnung wie ich hiermit fertig werden könnte.» Thuli hatte erstmal nichts gesagt, um seine Konzentration nicht zu stören. «Sag mir, wann hättest du die Behandlung magischer Wunden lernen können?», fragte sie ihn schliesslich. «Feuermagie ist eine gefährliche Sache, daher stand im ersten Jahr vor allem Heilkunst auf dem Stundenplan. Doch ich hielt es nicht für nötig mir dies zu merken, denn ich verletzte mich nur selten.» «Es gibt ein Ritual, dass es dir erlaubt tief in deine Gedanken einzutauchen. Dein Gedächtnis zu durchforsten und die Vergangenheit wieder zu erleben. Es hat seine Risiken, schlimme Dinge werden von guten nicht getrennt. Früher in alten Zeiten wurde das Ritual noch oft durchgeführt. Jedoch wurden viele der Teilnehmer im Bewusstsein geschädigt und verwirrt. Wärst du bereit dafür Magier? Der ganze Stamm wäre dir auf ewig zu Dank verpflichtet.» Thuli schaute ihn an. Er schluckte, liess den Blick auf das immer noch am Boden liegende Mädchen fallen. «Ich tue es.»