Kapitel 4 - Angriff der Seelenfänger

| Marc Pelzer | Reynal Juliandy

Tirion wurde in ein grosses Zelt in der Mitte des Dorfes geführt. Es war erstaunlich wie versteckt das Dorf zwischen den Hügeln und Wäldchen lag. Nie hätte er es erwartet, selbst als er nach zwei Stunden Marsch nur einen Steinwurf entfernt davorgestanden hatte. Er hatte dem Mädchen viele Fragen gestellt, jedoch wurde keine einzige davon beantwortet. Das irritierte ihn allerdings keinesfalls. Nun im Dorf angekommen, würde er seinen Wissensdurst stillen können. Leider konnte er auch nichts über den Wolf in Erfahrung bringen, denn von aussen betrachtet unterschied sich das Tier nicht von einem Wilden. Es herrschte reges Treiben im Dorf und neben ihren Arbeiten schienen die meisten Bewohner ihn mit abschätzenden, erstaunten und fast schockierten Blicken zu verfolgen. 

Im grossen Zelt angekommen wurde ihm geheissen zu warten und sich keinesfalls weg zu bewegen. Tirion wartete natürlich, wollte er doch einen möglichst guten ersten Eindruck machen. Es brauchte nicht lange, da brachte man ihm wortlos eine Art Eintopf. Er schmeckte nicht besonders, leicht erdig und war kaum gesalzen. Nicht ohne Grund liessen sich die allermeisten der jungen Magier aus seiner Klasse direkt von einem der grossen Häuser zu luxuriösen Bedingungen anstellen. Die Entbehrung des Luxus war der Preis für die Freiheit, dachte sich Tirion, die Freiheit durch die Welt zu reisen und keine Ketten, um den Hals tragen zu müssen. Mit und mit kamen die Dorfbewohner im Grossen vom zentralen Feuer erhellten Zelt schweigend zusammen. Es waren jedoch nur die Menschen, welche sich ins Zelt gesellten. Draussen war es bereits dunkel geworden. Er kniff die Augen zusammen und versuchte die Silhouetten der Häuser zu erkennen. Plötzlich erhob sich eine stark krächzende Stimme und zerbrach das lange Schweigen um ihn herum. «Wer bist du Fremder?» wollte eine alte Frau wissen. Sie trug schwere braune Leinenkleidung und ihr grau-weisses fettiges Haar glänzte im tanzenden Schein des Feuers. Es war unschwer zu erkennen, dass sie eine hohe Position in der Gemeinschaft innehatte, denn die meisten der Versammelten sahen sie mit Ehrfurcht an. «Mein Name ist Tirion aus der Gilde des Feuers und ich danke für eure Gastfreundschaft.» 

«Hmm, ein Magier, ja? Was genau führt dich zu uns?» «Neugierde liebe Dame, ich bin einzig auf der Reise, um die Wunder dieser Welt zu erfahren. Die Reise hat mich in eure Lande verschlagen. Ich hatte mir erhofft über einige Woche verweilen zu dürfen. Selbstverständlich werde ich mich weiterer Gastfreundschaft mehr als dankbar zeigen.» Die alte Frau blickte ihn durchdringend an. Er konnte ihre Absicht nicht sicher einschätzen, obwohl sie zu überlegen schien. Tirion hörte ausserhalb des Zeltes Wölfe aufheulen. Die Alte, Tulli, schwieg noch einige Momente. Die Ruhe wäre eine sehr unangenehme gewesen, doch die Wölfe schienen die Aufmerksamkeit etwas von ihm abzulenken. Dennoch schauten ihn viele nachdenkliche, erstaunte und zum Teil sogar feindliche Augen an. Gerade als die Frau den Mund öffnete, stürzte ein Mädchen durch den mit Fellen zugehängten Eingang ins Zelt. Die Menge wurde augenblicklich laut und begann sich zu bewegen. Tirion konnte erst nichts sehen, doch teilte sich die Menge nach einem heftigen Brüllen Thulis. Er folgte ihrem Blick auf den Eingang. Dort kniete das Mädchen, welches ihn ins Dorf gebracht hatte. Sie war verwundet. 

Ja’nemeri hatte den Fremden im Gemeinschaftsfeld gebracht, so wie Thuli es wollte. Das Feuer darin brannte schon, denn die Dämmerung brach bereits herein. Jedoch sollte sich vorerst keiner im Zelt versammeln. Der Fremde sollten Zeit haben, etwas zu essen, bevor sie dem Dorf gegenübertraten. Diese und andere Traditionen waren im Stamm sehr wichtig, auch wenn sie nicht wirklich wusste was die Alten daran fanden. Als sie das Dorf betreten hatten, waren ihr die neugierigen Blicke nicht entgangen. Recht war es ihr, sollten die Anderen sehen, dass Ja’nemeri den Fremden entdeckt hatte und nun ins Dorf brachte, um seine Absichten zu erfahren. Oftmals wurde sie von den älteren Dörflern nur als Jungsporn angesehen, doch hatte keiner von Ihnen jemals eine solche Tat verbracht. Allmählich wurde es dunkler und sie deutete ihrem Gefährten zu seinem Nachtlager zu gehen. Tiere waren in den Zelten verboten. Zwar hätte ihr Wolf kein Problem dargestellt, doch waren Bären oder Hirsche einfach zu gross für die kleinen Hütten. Deshalb lagerten die Tiere nach Arten getrennt am Rande des Dorfes. Ihr Wolf schlenderte getreu davon. Dann lief sie ins Zelt. Dort hatte sich bereits fast das Dorf gesammelt. Thuli kam als eine der letzten ins Zelt und setzte sich, wie üblich nahe dem Feuer und sprach nach einiger Zeit mit dem Magier. Dabei nutzte sie die raue Stimme so laut, dass alle mitbekamen, was besprochen wurde. Ja’nemeri folgte der Unterhaltung gespannt. Sie war verblüfft über die Wortgewandtheit des Jungen. In einem Moment der Ruhe horchte sie plötzlich instinktiv auf. Ihr Gefährte heulte in die Nacht, er signalisierte ihre Gefahr. Ein anderer Wolfsmensch schaute sie an und flüsterte leise: «Das war deiner, schau nach was los ist.» Auch wenn es ihr widerstrebte die Unterhaltung zu verlassen, schlich sie geschickt durch die Menge aus dem Zelt heraus. Es war dunkel und sie konnte nach der Helligkeit im Zelt nichts erkennen. Trotzdem ging sie langsam und vorsichtig Richtung Nachtlager der Wölfe. Den Weg war sie so oft gegangen, dass sie ihn auch im Dunkeln fand. Langsam konnte sie Silhouetten erkennen und der Blick wurde klarer. Gerade als sie an den Gerbgestelle vorbeilief, packte sie etwas kräftig an der Schulter. Ein Schauer lief ihr durch den Körper und erschütterte sie bis ins Knochenmark. Sie wirbelte herum, und wäre sie nicht so klein gewesen hätte sie sich nicht aus den langen Fingern befreien können, welche sie umschlossen. Ausser Stande etwas zu rufen oder gar zu schreien, blickte sie in das tiefe Dunkel einer weit heruntergezogenen schwarzen Kapuze. Eine grosse kräftige Statur war unter einem durch und durch dunklen Gewand mit langer Kapuze verborgen. Der Angreifer verschwamm förmlich in der Dunkelheit der Nacht. Er gab kein Wort von sich. Erst jetzt sah sie den Schlag, zu dem die Gestalt mit dem Schwert in der anderen Hand ausgeholt hatte. In einer leicht unförmigen Halbpirouette wich Ja’nemeri den tödlichen Schlag aus. Sie zog ihrerseits den Dolch, welcher in ihrem Gürtel steckte. Sie war stand immer noch unter Schock, doch das harte Training, welches sie seit Kindertagen durchlief, liess sie reflexartig die nötigen Bewegungen ausführen. Sie ging zum Gegenangriff über: Der Dolch in ihrer Hand schnellte vor und täuschte einen Stoss an. Im letzten Moment änderte Ja’nemeri ihren Griff und stiess dem Angreifer den Dolch in einem Wirbel seitlich durch das schwarze Gewand. Der Angreifer obwohl klar getroffen gab kein Geräusch von sich, nicht einmal ein kleines Winseln. Gerade als sie den Dolch wieder herausziehen wollte liess eine Kraft von hinten sie herumstolpern. Sie schauderte, der Angreifer war nicht alleine. Noch bevor sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, stiess der Zweite zu. Die Luft entwich ihr aus der Brust und augenblicklich trübte sich der Blick in einem rauchigen unklaren Filter. Ihr ganzer Körper wurde taub. Dass ihr Gefährte den Gegner von hinten anfiel und sich dieser mit dem anderen daraufhin zurückzog, nahm sie nicht mehr wahr. Mit letzter Kraft stolperte sie mit aller ihr noch möglichen Geschwindigkeit den Weg zum Gemeinschaftszelt zurück. Fast hätte sie es nicht geschafft. Die Panik kam in ihr hoch, fing an jeden Muskel ihrer Kontrolle zu entziehen. Gerade als sie es durch den Eingang geschafft knickten ihre Beine weg. Das ohnehin schon trübe Augenlicht verliess sie komplett. Sie sackte bewusstlos zusammen.