Kapitel 1 - Das Bankett

| Marc Pelzer | Fabian Wiestner

Das Licht der hunderten Kerzen und Feuerschalen tanzte verspielt an dem mit edelsten Wandteppichen verkleideten Gemäuer. Lachen und Freudenlaute hallten durch den grossen Saal, der mit zahlreichen Tischen in einem riesigen Hufeisen vorbereitet worden war. Die zahlreichen Gäste am Hofe Varnas amüsierten sich trotz früher Stunde lautstark, während sie nach den endlosen Leckereien auf den silbernen Tellern griffen und genüsslich die besten Weine der sieben Lande tranken. Das alljährliche Bankett war eine der wichtigsten Feiern, sowohl für die im Herzogtum lebenden Adligen als auch für die wichtigsten Kaufleute und den Adel der umliegenden Lande. Auf dieser Feier trafen sich die reichsten und einflussreichsten Leute, nicht um über Politik, Handel oder anderes zu reden, sondern einfach, um sich im Sinne des Herzogs zu amüsieren. 
Das extra für das Fest aufgestockte Dienstpersonal des Herzogs schlängelte sich geschickt durch den Tumult von feiernden, lachenden, grölenden und amüsierten Gästen, um geschickt jeden leeren Teller mit einem Vollen zu ersetzen, weshalb es so schien, als würden sich die Tische von selbst und unaufhörlich auffüllen. 

Wie jedes Jahr startete das Fest bereits im Morgengrauen und hielt bis am Abend an. Aus diesem Grund reisten die meisten Teilnehmer des Banketts, sollten sie denn eine lange Anreise haben, schon einen Tag früher nach Varnas. Dadurch schaffte es der Herzog, die komplette Stadt mit all ihren Tavernen und Gasthäusern samt dem Schloss zu füllen. Dies erfreute auch das einfache Volk, welches so Jahr um Jahr einiges an Silber- und bei grosszügigen Gästen sogar Goldmünzen erwirtschaften konnte. Ausserdem, so sagte man, würde am Tage des Banketts das ganze Herzogtum nach den servierten Köstlichkeiten riechen. Einfach gesagt trug der Wind auf dem erhöht stehenden Schloss die Gerüche der Küche tatsächlich in die darunterliegende Stadt. So hatte es sich ergeben, dass man beim Geruch von saftigen Pasteten, mit Gewürzen gefüllten Pfauen oder Fasanen, süssem Früchtebrot oder anderen kulinarischen Meisterwerken sagte, es rieche wie in Varnas' Lande.  

Auch Yaena konnte die wohltuenden Gerüche wahrnehmen, obwohl sie noch in ihrem Zimmer im Ostflügel stand. Sie hatte sich ein weisses Kleid vom besten Schneider der Stadt anfertigen lassen. Den Stoff hatte sie gestern einem feinen und langanhaltendem Zauber versehen. Nun schien das Kleid aus seinem Inneren her zu leuchten. Sie wollte sich zwar nicht selber loben, aber nun da sie in diese Symphonie aus Stoff hineingeschlüpft war, gefiel sie sich sehr gut. Am Spiegel rückte sie ihr blondes Haar zurecht. “Nicht zu viel Zeit vertrödeln”, sagte sie sich, denn der Herzog wollte, wie traditionell vorgesehen, als letzter auf dem Fest eintreffen. Er pflegte dies um zehn Uhr zu tun und als die Hofmagierin, hatte Yaena um diese Zeit an der Seite des Trons zu stehen. Ihr Blick wanderte den Balkon hinaus auf die in der Morgensonne funkelnden Dächer der Stadt. Es musste um die neun Uhr spät sein. Zufrieden atmete sie den anregenden Duft der Speisen ein und machte sich gemächlich und frohen Mutes auf den Weg in den grossen Saal.

Die herzoglichen Wachen hatten ihre Paraderüstungen für den heutigen Dienst ausgepackt. Das Metall schimmerte in glänzendem Silber und Rot. Es waren keine Makel zu erkennen nur die metallenen Lilien, welche sich mit anderen Verzierungen über die Rüstung schlängelten. Nun nach der dritten Runde war sich Gemon sicher, dass alle seine Männer die richtige Position bezogen hatten und einen guten Eindruck machten, während sie die Sicherheit des Schlosses aufrechterhielten. Auch wenn die Rüstungen prachtvoll und mächtig rüberkamen, wusste der Hauptmann der Wache, dass sie schrecklich zu tragen waren. Deshalb war er erleichtert, dass er als Gast seine Uniform beiseitelegen durfte und in einem eleganten und vor allem deutlich bequemeren Wams zur Feier erscheinen konnte. Er kam in den Flur vor dem grossen Saal. Er war vierzehn Fuss breit, was ihn nicht beengend machte, jedoch immer noch klein genug für eine effiziente Verteidigung. Als die Wachen vor der Tür ihn bemerkten, strafften sie ihre Haltung und den Griff um die Hellebarde. Ein letztes Mal kontrollierte Gemon die Türen auf dem Gang, welche unmittelbar in der Nähe des Saales waren. Sie waren alle verschlossen, wie angeordnet. Er hatte aus den Fehlern der vergangenen Jahre gelernt, denn nichts ist unberechenbarer als ein betrunkener und streitlustiger Adliger. Keine Spielchen dieses Jahr. Er lachte leise in sich hinein. Dann drehte er seinen Kopf in Richtung Saal und schritt los. Zeit sich etwas zu amüsieren.